Rezension des Buches „JAHRBUCH INNERE FÜHRUNG 2017“ von Dr. D.-Holger Müller, Oberst a.D.

Mit dem Jahrbuch 2017 liegt nunmehr der neunte Band in dieser Reihe vor und wie stets haben die Herausgeber die darin enthaltenen Beiträge unter ein Leitmotiv gestellt. Diesmal geht es um „die Wiederkehr der Verteidigung in Europa“ und, daraus abgeleitet, um die Frage nach der „Zukunft der Bundeswehr“.

Gleich im ersten Beitrag zeigt Gerlinde Groitl in schonungsloser Deutlichkeit auf, wie sehr sich die internationale Sicherheitsarchitektur zum Schlechteren gewandelt hat und wie wenig handlungsfähig Europa derzeit ist, um als ernstzunehmender, selbständiger Akteur auf dem außen- und sicherheitspolitischen Feld wahrgenommen zu werden. Dieses Defizit wiegt umso schwerer, als die USA nicht mehr als uneingeschränkt verlässlicher Partner zu betrachten sind. Wenn aber die Sicherheit Europas nicht mehr automatisch eine transatlantische Angelegenheit bleibt, droht den Staaten Europas die Marginalisierung im Konzert der Großmächte. Als einziger Ausweg aus diesem Dilemma bleibt offensichtlich nur, dass  die EU deutliche Fortschritte bei der Integration und Entwicklung seiner verteidigungspolitischen Anstrengungen erzielt.

Klaus Wittmann nimmt sich der neuen Rolle Russlands an und analysiert insbesondere dessen Interessenlage. Er plädiert für eine Überwindung der aktuellen konfrontativen Situation durch Angebote zur Kooperation, ohne dabei indes „unangemessenes Entgegenkommen“ zu zeigen, wohl aber das Bedürfnis Russlands nach Anerkennung als Großmacht nicht zu ignorieren.

Als Leiter des Baudissin Dokumentationszentrums ist Claus von Rosen bestens prädestiniert, die politischen und militärischen Strategieüberlegungen Baudissins darzulegen. Er unternimmt den Versuch, dessen Gedanken in die heutige Zeit zu projizieren und zeigt dabei auf, wie aktuell das Baudissinsche Strategieverständnis tatsächlich noch ist. Insbesondere hebt er hervor, dass für Baudissin eine Trennung von „politisch-strategisch“ und „militärisch-strategisch“ nicht sinnvoll ist und diese innere Verwobenheit beider Bereiche vor allem auch im Zusammenhang mit den neuen Kriegsformen zu integrativem Denken in diesem Sinne zwingt. Rosens Rezension des Buches „Strategie neu denken“ von Wolfgang Peischel (Hrsg.) am Ende dieses Jahrbuches ist durchaus in Verbindung zu diesen Ausführungen zu sehen.

In weiteren Beiträgen werden die Themen „Resilienz“, „Bündnisverteidigung“ sowie „Europäische Armee“ aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und deren Konsequenzen für eine zukünftige Bundeswehr erörtert.

Dem Anspruch des Titels dieser Reihe folgend widmet sich der zweite Teil in diesem Sammelband der „Weiterentwicklung der Inneren Führung“. Reinhold Janke führt in seinem Beitrag den Begriff des „toxic leaders“ ein und versteht darunter die Wahrnehmung von Führungsaufgaben mit – zumindest partiell – menschenfeindlichen, zynischen, verlogenen oder auch intriganten Verhaltensweisen. Zwar attestiert er der weit überwiegenden Anzahl von Vorgesetzten in der Bundeswehr ein tadelloses Führungsverständnis, hält es aber dennoch für gegeben, dass die Bundeswehr unter dem „Phänomen toxic leadership“ leidet und fordert daher die konsequente Durchsetzung der Grundsätze der Inneren Führung auf allen Ebenen.

Interessant ist der Beitrag von Donald Abenheim, der als Angehöriger der US-Streitkräfte sozusagen einen Blick von außen auf die Innere Führung wirft, aus langjähriger Erfahrung ein geradezu ein Loblied auf diese Führungskultur singt und dies in einen Zusammenhang stellt mit der aktuellen Diskussion um einen neuen Traditionserlass. In starkem Kontrast dazu steht der Diskussionsbeitrag von Gustav Lünenborg. Er hält die Begriffe „Innere Führung“ und „Staatsbürger in Uniform“ für entbehrlich, weil unter den Bedingungen von Kampfeinsätzen nicht mehr zeitgemäß. Er sieht vielmehr die Notwendigkeit, insbesondere mit Blick auf die jungen militärischen Führer, im Kontext zunehmend multinationaler Verbände ein mit anderen Nationen vergleichbares Verständnis soldatischen Dienens und Seins zu entwickeln.

Angelika Dörfler-Dierken greift den Skandal in Pfullendorf mit dort praktizierten entwürdigenden, sexuell motivierten Ausbildungsmethoden auf und legt die gruppenspezifischen sowie militärsoziologischen Aspekte dieses Vorgangs dar. Im Ergebnis stellt sie fest, dass die neuen, erstmaligen Erfahrungen der Bundeswehr mit Kampfeinsätzen „langfristige und noch kaum erforschte Folgen für das soldatische Selbstverständnis“ haben. Als ersten Schritt zu einer Verbesserung regt sie an, insbesondere im Bereich von Mannschaften und Unteroffizieren das Überprüfen von Selbstbild und Berufsethos zu forcieren.

Unter dem Rubrum „Zur Diskussion gestellt“ zeichnet Martin Sebaldt in seinem Beitrag ein düsteres Bild vom Zustand der Bundeswehr. Er identifiziert sechs Kardinalprobleme und führt dazu jeweils detailliert – und pointiert! – aus, wodurch seiner Auffassung nach diese bedenkliche Entwicklung verursacht wurde. Besonders kritisch geht er mit dem Weißbuch 2016 ins Gericht, das er ein Dokument „ohne Antworten“ nennt.

Gerhard Brugmann legt in kurzen Zügen eine Entwicklungsgeschichte der Konzeption „Innere Führung“ dar und weist unmissverständlich darauf hin, dass diese integraler Bestandteil von Führung ist. Allerdings stellt er auch fest, dass heute „die Innere Führung bei den Leutnanten keinen Anklang findet“, weil sie mit deren Lehre nicht zurechtkommen. Als Ausweg aus diesem Dilemma hält er es für angebracht, das bislang selbständige Zentrum Innere Führung in die Führungsakademie der Bundeswehr zu überführen, um so eine Führungslehre aus einem Guss anbieten zu können.

Einige Rezensionen runden die Palette der Beiträge ab. Klaus Olshausen nimmt sich des Buches „Dienst in Zeiten des Wandels“ von Viktor Toyka an, Dirk Schulze bezieht Stellung zu dem Buch „Innere Führung auf dem Prüfstand“ von Marcel Bohnert und Uwe Hartmann macht gleich auf zwei Bücher mit Bezügen zu Innere Führung aufmerksam.

Der vorliegende, neunte Band der Reihe bietet erneut eine beeindruckende Sammlung von sehr lesenswerten Texten, die – aus unterschiedlichen Perspektiven argumentierend – Wissenschaft und Praxis miteinander verknüpfen und so Grundlagen für weiterführende Diskussionen schaffen.

Uwe Hartmann/Claus von Rosen (Hrsg.)
JAHRBUCH INNERE FÜHRUNG 2017
MILES-Verlag, Berlin 2017, 24,80 €

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