Gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge – eine Herkulesaufgabe!

Bericht über die 53. Sicherheitspolitische Informationstagung zum Thema

„Stärkung von Resilienz und nationaler Führungsfähigkeit im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung“

Angesichts der dramatisch veränderten Sicherheitslage seit 2014 ist bei der Sicherheitsvorsorge die richtige Mischung aus kollektiver Verteidigung sowie dem Aufbau von Resilienz einerseits und Ansätzen kooperativer Sicherheit und multilateraler Zusammenarbeit andererseits wichtiger als je zuvor. Bei den Gefährdungen durch Risiken und potentielle Bedrohungen sind, neben den zahlreichen Krisen und Konflikten am Rande Europas sowie in den benachbarten Regionen und der wieder aggressiven, anti-westlichen Politik Russlands, im digitalen Zeitalter vor allem Verwundbarkeiten im Cyber- und Informationsraum und hybride Angriffe unterhalb der Schwelle klassischer, traditioneller Kriegsformen besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Clausewitz-Gesellschaft hat sich mit dem breiten Spektrum von Themen und Fragen zu Stärkung von Resilienz und nationaler Führungsfähigkeit vom Grundbetrieb bis hin zur Landes- und Bündnisverteidigung während der 53. Sicherheitspolitischen Informationstagung auseinandergesetzt, die vom 04. bis 06. September 2019 erneut als gemeinsame Veranstaltung mit der Führungsakademie der Bundeswehr in der Clausewitz-Kaserne in Hamburg stattfand. Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen standen insbesondere die spezifischen Herausforderungen an die gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge sowie die Möglichkeiten, Chancen und Grenzen praktischer bzw. konkreter Realisierung. Einen Schwerpunkt bildeten dabei die künftig notwendigen Führungsstrukturen in einem umfassend vernetzten Sicherheitsansatz.

Festliche Einstimmung auf die Tagung

Während der vom Airbus-Orchester musikalisch eingeleiteten Auftaktveranstaltung zur 53. Sicherheitspolitische Informationstagung, sprach der Parlamentarische Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung, Thomas Silberhorn, als Gastredner zum Thema „Die Bedeutung von Sicherheitsvorsorge und Resilienz für Politik, Gesellschaft und Streitkräfte im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung“. Mit Hinweis auf die Veränderungen durch den Klimawandel und den dadurch mitverursachten Migrationsdruck bei z.T. fehlenden staatlichen Strukturen (Afghanistan, Nigeria, Sahelzone, Mali) und den Wandel durch Digitalisierung stellte er fest, dass Bedrohungen überall auftreten könnten, nicht nur wie früher geographisch bestimmt. Digitalisierung schaffe neben neuen Chancen auch neue Risiken, da die Gesellschaft in vielen Bereichen verletzlicher sei. Das „Miteinander aller“ müsse das Ziel staatlicher Sicherheitsvorsorge sein. Die Bundeswehr habe konzeptionelle Grundlagen mit der Aufnahme von Resilienz als Ziel in die Konzeption der Bundeswehr (KdB) gelegt. Streitkräfte und Heimatschutz spielten für die Resilienz der Gesellschaft eine entscheidende Rolle, wozu auch die Konzeption der Inneren Führung und des Staatsbürgers in Uniform beitrügen.  Aber auch für die Gesellschaft gelte, dass sie einen Platz für die Bundewehr in ihrer Mitte haben müsse. Insgesamt aber sei wichtig, dass Resilienz einer gesamtstaatlichen Anstrengung bedarf.

Gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge angesichts neuer außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischer Herausforderungen

Während sich viele Menschen in unserem Lande geradezu inbrünstig mit den Ursachen und Folgen des geophysikalischen Klimawandels befassen, wird dem seit 2014 eingetretenen sicherheitspolitischen „Klimawandel“ nur vergleichsweise geringe Beachtung geschenkt. Das wurde bereits in den einleitenden Vorträgen des Präsidenten der Bundesakademie für Sicherheitspolitik und des Vorsitzenden der Stiftung Wissenschaft und Demokratie deutlich. Vor dem gut besetzten Auditorium im Manfred-Wörner-Zentrum der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) skizzierte zunächst Dr. Karl-Heinz Kamp die aktuellen außen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen. Er verdeutlichte in seiner außen- und sicherheitspolitischen Tour d’Horizon die vom Präsidenten der Clausewitz-Gesellschaft, Generalleutnant a.D. Kurt Herrmann, zuvor in seiner Begrüßung und Einleitung stichwortartig skizzierte aktuelle Lage.

Dr. Kamp nannte sechs vordringliche Sicherheitsbedrohungen: Neben der anti-westlichen Politik Russlands, den zahlreichen Krisen und Konflikten im Nahen-Mittleren-Osten, in Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum, ging er auch ein auf den internationalen Terrorismus, auf die unsichere Zukunft der Europäischen Union und den Verlust der USA als westliche Führungsmacht. Diesen Herausforderungen zu begegnen erfordere u.a. Unsicherheit als Konstante zu erkennen und Sicherheit durch staatliches Handeln in einem Verbund aller relevanten Institutionen, Kräfte und Mittel zu gewährleisten.

Professor Dr. Joachim Krause beklagte erhebliche Defizite im strategischen Denken. Er vermisst eine „strategische Kultur“ in Deutschland und fehlenden politischen Willen zu konkretem und entschlossenem Handeln in sicherheits- sowie verteidigungspolitischen Angelegenheiten. „Deutschland hat verlernt, was Verteidigung ist und erfordert“.

Holger Stahlknecht, Minister für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt erläuterte die innenpolitischen Herausforderungen, u.a. angesichts akuter Bedrohungen durch Cyberangriffe, extremistischer, politisch motivierter Gewalt und Clan-Kriminalität. Er, wie auch die beiden Vorredner, wies auf die zunehmende Auflösung oder Verwischung der bisherigen Grenzen zwischen äußerer und innerer Sicherheit hin. Die Bekämpfung dieser Bedrohungen verlange Kooperation über Landesgrenzen hinweg bundesweit und international.

In einer gemeinsamen Gesprächsrunde unter der Leitung von Direktor Jörn Thießen, Führungsakademie, wurden die nach wie vor bestehenden Herausforderungen für eine gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge auch im intensiven Dialog mit dem Auditorium vertieft. Dabei standen folgende Probleme im Mittelpunkt: fehlende nationale Sicherheitsstrategie und unzureichende zentrale Führungsstrukturen, Mängel in der Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte im bundesdeutschen föderalen System angesichts der Forderung „Krise braucht Führung“, Personal als knappe Ressource vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden demographischen Entwicklung, fortbestehende Defizite praktischer Kooperation bei ressort-gemeinsamer Sicherheitsvorsorge, Defizite im sicherheits- sowie verteidigungspolitischen Bewusstsein von Führungskräften und Krise der Kommunikation staatlicher Stellen mit der Bevölkerung angesichts der hohen Durchdringung und hyper-dynamischen Entwicklung digitalisierter „sozialer Netzwerke“.

Komplexe Szenarien und gewaltige Herausforderungen

Im Mittelpunkt der anschließenden Vorträge und Diskussionen stand dann zunächst eine intensive Analyse der aktuellen außen- und innenpolitischen Lage mit besonderem Blick auf vitale „Kritische Infrastrukturen (KRITIS)“. Den Hintergrund der Vorträge und Diskussionen im Rahmen des ersten Panels bildeten drohende „Black- and Service Out-“ Szenarien, wie sie u.a. Marc Elsberg in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat. Dabei kamen sowohl Vertreter von Telekommunikations- als auch  Energieversorgungsunternehmen zu Wort. Sie verdeutlichten u.a. den notwendigen Steuerungsbedarf und den Einsatz modernster Technologien zur Gewährleistung von Widerstands-, Überlebens- und ggf. Wiederherstellung hinreichender Funktionsfähigkeit. Letztlich ging es also um die Resilienz der hochkomplexen Systeme und Systemverbünde heutiger und künftiger vitaler KRITIS.

Seitens der Abteilung Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen des Bundesministeriums der Verteidigung als auch des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wurden die wachsende Komplexität der Schutz- und Sicherheitsanforderungen konkret unterstrichen und systematische Ansätze zur Realisierung vorgestellt.

Brauchen wir einen neuen Ansatz für Gesamtverteidigung?

Ein weiteres Panel widmete sich der Frage „Verteidigungspolitische, militärstrategische und innenpolitische Herausforderungen im Zeitalter digitaler Verwundbarkeit und hybrider Bedrohung: Brauchen wir einen neuen Ansatz für Gesamtverteidigung?“.

Der Inspekteur der Streitkräftebasis, Generalleutnant Martin Schelleis, stellte als Nationaler Territorialer Befehlshaber mit deutlichem Hinweis auf das Weißbuch 2016 der Bundesregierung klar, dass es keines neuen Ansatzes, aber einer deutlichen Erweiterung und Fortschreibung des institutionellen Rahmens bedürfe. Die Überarbeitung und Aktivierung der Rahmenrichtlinie für Gesamtverteidigung aus 1989 müsse vorangetrieben werden. Deutschland habe seine „Drehscheiben-Rolle“ als potenzielles Aufkommens-, Anlande- und Transitland, u.a. verantwortlich für den verzugslosen Auf- und Weitermarsch sowie für den Schutz alliierter und eigener Truppen, zuverlässig wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang erwähnte er die laufende Weiterentwicklung der bisherigen Grundlagen zu einem „Enhanced Host Nation Support (EHNS)“ Konzept und wies u.a. auf den laufenden Aufwuchs des „Joint Support and Enabling Commands (JSEC)“ in Ulm hin. Die nunmehr anstehenden Aufgaben seien nur gesamtstaatlich zu bewältigen und erforderten u.a. auch eine Weiterentwicklung der Schnittstellen zwischen Bundeswehr, ziviler Verteidigung, ziviler Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Stellvertreter des Inspekteurs des Cyber- und Informationsraums (CIR), Generalmajor Jürgen Setzer, hob insbesondere hervor, dass die bisherige gedankliche Konzentration auf Gesamtverteidigung in Richtung Gesamtsicherheit verlagert werden sollte. Zugleich ging er auf die spezifischen Wirkungsmöglichkeiten im CIR ein und nannte die „Meinungsbeeinflussung“ als Faktor, der besondere Aufmerksamkeit verlange.

Beide militärische Vertreter erwähnten ebenfalls die konkreten Ansätze in ihren Zuständigkeitsbereichen zur Verbesserung der Führungsfähigkeit und weiterer Maßnahmen zur Stärkung gesamtstaatlicher Sicherheitsvorsorge, auch im EU-Rahmen, und des deutschen Beitrags zur Bündnisverteidigung.

Der Vertreter des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat sprach u.a. notwendige Kompetenz- und Strukturerweiterungen für länderübergreifende Lagen an. Außerdem erwähnte er, dass es insbesondere im Lichte von Cyberattacken und hybrider Bedrohungen erweiterter oder neuer gesicherter Rechtsgrundlagen für die gesamtstaatliche Sicherheit bedürfe. Er verwies allerdings auch auf die Probleme bei der Gewinnung personeller Ressourcen und auf die Notwendigkeit zur Bereitstellung hinreichender finanzieller Mittel hin.

Der Generalsekretär des Sekretariats des Finnischen Sicherheitskomitees erläuterte sehr anschaulich die in seinem Land vollzogene Erweiterung von „Total Defence“ zu „Comprehensive Security“. Dabei ging er ausführlich auf die Bedeutung effizienter Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen staatlichen Sicherheitsinstitutionen ein und unterstrich auch die Notwendigkeit entsprechender Ausbildung sowie  regelmäßiger gemeinsamer Übungen der Verantwortlichen und Akteure aller relevanten Bereiche. Einvernehmen auf dem Panel und im Auditorium bestand darin, dass zur Realisierung und Gewährleistung gesamtstaatlicher Sicherheit die richtigen Institutionen geschaffen werden müssten und es hierzu vor allem auch des politischen Willens als entscheidende Voraussetzung bedürfe.

Grenzüberschreitende Bedrohung erfordert internationale Zusammenarbeit

Das nachfolgende Panel erweiterte dann die Betrachtungen zur künftigen Landes- und Bündnisverteidigung vor allem auch auf den europäischen und transatlantischen Rahmen.

Der Abteilungsleiter Verteidigungspolitik und -planung in der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der NATO ging zunächst auf die aktuellen Lageentwicklungen im Bündnis und auf die sich daraus u.a. ergebenden Forderungen an Deutschland als zentrale „Drehscheibe“ für eine umfassende Bündnisverteidigung ein. Dazu unterstrich er den notwendigen Ansatz zur gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge mit abgestimmten, präventiven, zivilen wie militärischen Verteidigungsanstrengungen gleichermaßen.

Ein finnischer Politikwissenschaftler vom Brüsseler Winfried Martens Zentrum für Europäische Studien stellte insbesondere die „Beistandsklausel der EU“ (Artikel 42.7 des Vertrages von Lissabon) in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zur nationalen und gemeinsamen Verteidigung in Europa. Hierzu ging er auf mögliche Szenarien ein, bei denen diese Klausel künftig zur Anwendung gebracht werden könnte.

Der Vertreter der Abteilung Strategie und Einsatz im Bundesministerium der Verteidigung zeigte in seinem höchst anschaulichen Beitrag vier Kernbotschaften auf. Dabei ging er u.a. auf das Erwartungsmanagement hinsichtlich der Aufgaben und Fähigkeiten der Bundeswehr ein, spiegelte die Erwartungen seitens der NATO an den aktuellen und geplanten Fähigkeiten unserer Streitkräfte, erläuterte die besonderen Herausforderungen und gewählten Schwerpunkte der aktuellen Fähigkeitsentwicklung und bewertete schließlich die Perspektiven der laufenden Prozesse zur Stärkung von Landes- und Bündnisverteidigung. Dabei beleuchtete er insbesondere auch die politischen, gesellschaftlichen und ressortübergreifenden Aufgaben und unterstrich die Bedeutung des gesellschaftlichen „Mindset“ sowie des politischen Willens zur Realisierung als Kernherausforderungen. Eine der größten Herausforderungen und die Voraussetzung für das Gelingen sei es, das Bewusstsein der Bürger für die Gesamtverteidigung (wieder) zu schärfen.

Professor Dr. Sven Gareis stellte fest, dass die Zeiten, in denen eine Sicherheitsbedrohung klar erkannt und ihr mit einem geeigneten Instrumentarium begegnet werden konnte, lange vorbei sind. In einem Umfeld hybrider Bedrohungen sind Maßnahmen unterhalb der Schwelle klassischer Kriegsführung zu erwarten, die vermutlich schwer als Angriffe einzuordnen und noch schwerer einem bestimmten Akteur zuzuordnen sind. Resilienz bedeute deshalb Fähigkeiten, die Folgen von Angriffen, Schlägen oder Katastrophen zu absorbieren, den Schaden zu begrenzen und so schnell wie möglich zur größtmöglichen Normalität zurückzukehren. Das erfordere einen wirklichen Paradigmenwechsel und ein umfassendes Konzept gesamtstaatlicher Sicherheitsvorsorge. Als Voraussetzungen für eine erfolgreiche Realisierung wurden u.a. genannt: dezentrale Strukturen zur Verringerung eines totalen Kontrollverlusts oder nationalen „Blackouts“, Verständigung auf gemeinsame Standards, wirksame Koordination der zu beteiligenden Akteure und gemeinsame Vereinbarung von Prioritäten für den Aufbau sowie die Aufrechterhaltung der erforderlichen Fähigkeiten. Aufgabe von Politik und Bundeswehr bleibe es, die Einsatzfähigkeit der Streitkräfte im gesamten Aufgabenspektrum der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge zu erhöhen und im Rahmen des Bündnisses dann auch weiterhin angemessene Beiträge zur kollektiven Verteidigung zu erbringen. Resilienz sei in diesem Zusammenhang auch als ein anspruchsvolles Konzept zu verstehen, das auf einer inklusiven und solidarischen Gesellschaft gründe und deren Mitglieder sich aufeinander verlassen können. Sie bilde die Basis von wirksamer und verlässlicher nationaler Führungsfähigkeit. Ein entscheidender Baustein für die gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge bestehe darin, das Grundvertrauen in Staat und Gesellschaft aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen.

Die Gedanken sind frei – künftige gesamtstaatliche und militärische Führungsstrukturen

Das vom Lehrgangsleiter des Lehrgangs Generalstabs-/Admiralstabsdienst National (LGAN) 2017 und dem Lehrstabsoffizier am „German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS)“ moderierte Panel, bestehend aus drei Lehrgangsteilnehmern des LGAN 2017, unterstützt vom Projektbeauftragten der Fakultät Einsatz, Cyber und Informationsraum, präsentierte das Ergebnis des vom Generalinspekteur der Bundeswehr beauftragten Projekts zur künftigen gesamtstaatlichen und militärischen Führungsstruktur im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung. Dabei konzentrierte sich das Panel auf die Themenbereiche „Modulares und kombinierbares Konfliktbild als Grundlage nationaler Führungsfähigkeit“, „Führung neu denken. Führungsorganisation der Bundeswehr auf strategischer Ebene“ und „Führung im In- und Ausland. Führungsorganisation der Bundeswehr auf operativer Ebene“.

Als Anforderungen an eine durchgängig gestraffte Führungsorganisation, die sowohl die politische, als auch die militärstrategische sowie operative und nicht zuletzt die taktische Ebene umfasst, wurde eine stattliche Liste von Anforderungen formuliert, u.a.: klare Zuweisung von Verantwortlichkeiten, strukturelle Vernetzung, Skalierbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit, Fähigkeit zur Einsatzführung auf operationeller und taktischer Ebene und Antizipationsfähigkeit.

Der gewählte Ansatz, Erfordernisse und Herausforderungen frei zu analysieren und Konzepte sowie Strukturen ohne einschränkende Vorgaben abzuleiten bzw. zu entwickeln, führte zu einem intensiven, durchaus auch kontroversen, aber letztlich sehr fruchtbaren Gedankenaustausch. Die neue Rolle der FüAkBw als „Think Tank“, bei der vor allem auch das Potential der Lehrgangsteilnehmer stärker genutzt und zur Geltung gebracht werden soll, hat sich hier als richtig und zukunftsfähig erwiesen. In diesem Sinne äußerte sich auch der Kommandeur der FüAkBw, Generalmajor Oliver Kohl, in seinen insgesamt sehr positiven abschließenden Bemerkungen zur Tagung.

Von der Theorie zur Praxis

Im abschließenden Panel wurde vor allem der Versuch einer Art Bilanzierung der bisherigen Erkenntnisse der Tagung unternommen. Im Mittelpunkt stand die Frage: „Welche vordringlichen Aufgaben zur Stärkung von Resilienz, Sicherheitsvorsorge und Führungsfähigkeit im nationalen, europäischen und NATO-Rahmen müssen und können in absehbarer Zeit realisiert oder bewältigt werden?“.

Andy Grote, der Senator für Inneres und Sport der Freien und Hansestadt Hamburg, zeigte noch einmal sehr prägnant die aktuellen, vielschichtigen Herausforderungen der Sicherheit im Innern auf, vor denen wir als Gesellschaft stehen.  Er konstatierte zudem, dass wir auch in der  äußeren Sicherheit mit einer veränderten Lage umgehen müssen. Die Bandbreite reiche dabei von der mutmaßlichen Einflussnahme über soziale Medien auf Wahlentscheidungen oder die öffentliche Meinungsbildung durch bewusste Falschinformationen bis hin zum Missbrauch von IT-Strukturen für die hybride Kriegsführung. Der Schutz Kritischer Infrastrukturen sei eine gemeinsame Aufgabe von Staat, Verwaltung, Gesellschaft und Wirtschaft. Es müsse dabei im globalen Kontext gehandelt werden. Konsequentes und gemeinsames Handeln aller Beteiligten in Bund und Ländern sollte insbesondere erst einmal durch die Umsetzung der bestehenden Sicherheitskonzepte gelöst werden. Hierzu nannte er das Weißbuch 2016 der Bundesregierung und die Konzeption Zivile Verteidigung. Jetzt müssten die notwendigen Vorbereitungen getroffen werden, damit in der Krise jeder wisse, was er zu tun hat.

Der Abteilungsleiter Planung im Bundesministerium der Verteidigung, Generalleutnant Christian Badia, ging u.a. auf die im vorangegangenen Panel formulierten Empfehlungen ein und stellte die aktuellen Planungen zur Realisierung des Fähigkeitsprofils der Bundeswehr vor. Dabei machte er insbesondere deutlich, welche spezifischen Herausforderungen nach 25 Jahren Reduzierungen und massiven Einsparungen bei der Bundeswehr nunmehr mit der Umsetzung der Trendwenden bei Personal, Material und Finanzen verbunden sind.

Generalmajor Jörg See, der Stellvertretende Beigeordnete Generalsekretär der NATO für Verteidigungspolitik und Planung, hob die besonderen Anstrengungen des Bündnisses zur Stärkung von Resilienz und Führungsstrukturen hervor. Mit Hinweis auf die einschlägigen Aktivitäten der NATO zur Realisierung der spezifischen Streitkräfteplanung appellierte er an die Notwendigkeit zur Einhaltung gegebener Zusagen seitens der Nationen bezüglich ihrer Verteidigungsleistungen und nationalen Streitkräfteentwicklung.

In der sehr lebhaft geführten Diskussion wurde dann vor allem die Notwendigkeit zur Herstellung und Stärkung des Sicherheitsbewusstseins in der Bevölkerung, aber auch bei den politisch Verantwortlichen und in der staatlichen Verwaltung hervorgehoben. In diesem Zusammenhang erfolgten mehrfach Hinweise, dass es – zur Erreichung des angestrebten „Mind set“ und auch zur Erreichung von hinreichender Akzeptanz bezüglich der notwendigen Höhe von Verteidigungsleistungen – einer verbesserten Kommunikation und Erklärung der Erfordernisse bedürfe. Dies wurde sehr nachdrücklich als politische Aufgabe und Verantwortung bekräftigt.

In etlichen Beiträgen wurde die erforderliche Einbindung der Wirtschaft in die Maßnahmen gesamtstaatlicher Sicherheitsvorsorge betont und eine klarere Positionierung zu Fragen des Rüstungsexports und der nationalen Rüstungsexportpolitik eingefordert. Nochmals verdeutlicht wurde auch die Forderung nach verstärkter Sichtbarkeit der Bundeswehr in der Öffentlichkeit und nach regelmäßigen zivil-militärischen Übungen im Rahmen der gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge.

Ein Prozess, der weitere Schritte verlangt

In seinen abschließenden Bemerkungen zur Tagung unterstrich der Präsident der Clausewitz-Gesellschaft das zuvor vom Kommandeur der FüAkBw gezogene positive Resümee. Er erwähnte einen offensichtlichen Erkenntnisgewinn aus den Vorträgen und Diskussionen. Zugleich wies er jedoch auch auf die nach wie vor bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis oder zwischen politischer Deklaration und praktischer Realisierung einer effizienten gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge hin. Er verband seine Feststellung mit der Hoffnung, dass man notwendige weiterführende Diskussionen habe anregen können. Seitens der Clausewitz-Gesellschaft wolle man diesen Diskurs auch künftig nach besten Kräften fördern und begleiten.

Herrmann schloss die Tagung mit Dank an den Kooperationspartner FüAkBw, an alle aktiv Mitwirkenden und an das Unterstützungsteam. Den Teilnehmern der Informationstagung dankte er für ihr engagiertes Mitwirken.

 

Verfasser:
Generalleutnant a.D. Kurt Herrmann
Brigadegeneral a.D. Hans-Herbert Schulz
Oberst a.D. Werner Baach

 

 

 

 

Der Senator für Inneres und Sport der Freien und Hansestadt Hamburg, Andy Grote, präsentiert seine Sichtweise zur Stärkung von Resilienz, Sicherheitsvorsorge und Führungsfähigkeiten in dem von Lena Strauß, M.A., moderierten Panel

Die „Leitung der Tagung“: Der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, Generalmajor Oliver Kohl, und der Präsident der Clausewitz-Gesellschaft e.V., Generalleutnant a.D. Kurt Herrmann

Das von Lehrgangsteilnehmern des LGAN 2017 und Stabsoffizieren der FüAkBw bestrittene Panel fand große Aufmerksamkeit

Die Lehrgangsteilnehmer des LGAN 2017 präsentierten Ergebnisse ihrer Studienphase mit großem Engagement und überzeugender Sachkenntnis

Die Teilnehmer im Auditorium nutzen die Chance für zahlreiche kritische Fragen und kompetente Kommentare; hier: Generalmajor a.D. Christian Millotat

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Der Abteilungsleiter Planung im BMVg, Generalleutnant Christian Badia, nimmt dezidiert zu Chancen, Möglichkeiten und Grenzen praktischer Realisierung Stellung

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