„Erfahrungen als Kommandeur eines multinationalen Gefechtsverbandes in Litauen“ – RK WEST am 16. 09. 2019

Mit der sicherheitspolitischen Lage in Osteuropa und den politischen wie militärischen Vorkehrungen der NATO für diesen Raum hatte sich der RK WEST bereits mehrfach beschäftigt – zuletzt im Januar dieses Jahres. Nunmehr richtete sich der Blick auf die unteren Führungsebenen. Oberstleutnant i.G. Wolf Rüdiger Otto hatte im vergangenen Jahr als Kommandeur des Jägerbataillons 292 aus Donaueschingen die Battlegroup Litauen geführt. Er berichtete über seine Erfahrungen und zeigte auf, welche Anforderungen heute an eine multinationale Battlegroup in diesem sicherheitspolitischen Umfeld gestellt werden.

Einführend wies er auf die Bedeutung der multinationalen Präsenz für die Glaubwürdigkeit der Schutzverpflichtung der NATO in diesem Raum hin. Am Enhanced Forward Presence Programm des Bündnisses beteiligten sich im Baltikum und in Polen insgesamt 25 NATO-Nationen, um eine glaubwürdige Abschreckung und gegebenenfalls Verteidigung Osteuropas sicherzustellen. An der von Deutschland geführten Battlegroup in Litauen seien 8 Nationen mit Kontingenten beteiligt. Auch im Stab des Verbandes spiegele sich die internationale Beteiligung, so sei z.B. der StvKdr ein niederländischer und der S 3 ein französischer Stabsoffizier. Die Battlegroup sei in Rukla, einem kleinen Ort ca. 30 km nordöstlich von Kaunas, in einer Liegenschaft stationiert, die früher von der 1. Russischen Luftlandedivision genutzt worden sei. Der Verband ist der Litauischen Brigade „Iron Wolf“ unterstellt, die mit großen Teilen ebenfalls in Rukla untergebracht ist. Die u.a. durch unterschiedliche Ausrüstung, unterschiedliche Militärkulturen und diverse Melde- und Kommandowege erzeugte Komplexität führte der Referent anhand sehr anschaulicher Beispiele überzeugend vor Augen.

Im zweiten Teil seiner Ausführungen zeigte OTL i.G. Otto auf, in welcher Weise die Battlegroup vorbereitend in Deutschland und später im Einsatzland für ihren Auftrag ausgebildet wurde. Dies geschah in einer beeindruckenden Zahl von Ausbildungs- und Übungsvorhaben, u.a. im Gefechtsübungszentrum des Heeres sowie in einer Gefechtsstand- und einer Gefechtsübung auf dem Truppenübungsplatz Heuberg. Leider hätten nicht alle unterstellten Kräfte daran teilnehmen konnten. Nach der Verlegung ins Einsatzgebiet habe die komplette Truppe ein sehr intensives Ausbildungs- und Übungsprogramm in Litauen mit dem Höhepunkt der Zertifizierung der Battlegroup im Rahmen der Field Training Exercise (FTX) Thunderstorm absolviert.
Eine große Herausforderung für die Battlegroup stellte auch die große Zahl hoher und höchster Besucher dar, darunter die litauische Staatspräsidentin, der niederländische König, Verteidigungsminister sowie hohe militärische Führer aus dem Gastland, aus Deutschland und dem NATO-Bereich. Auch die Medienaufmerksamkeit und umfangreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, von der der Referent berichtete,  ist für diese Führungsebene sicherlich höchst ungewöhnlich.

Abschließend stellte OTL i.G. Otto dar, welche Erfahrungen er bei diesem außergewöhnlichen Auftrag, der für das Deutsche Heer allerdings bald Routine werden wird, sammeln konnte. Die Besonderheiten der Verlegung über eine solch große Entfernung per Bahn- und Lufttransport gehörten ebenso dazu wie die Herausforderung durch sehr winterliche Witterungsverhältnisse mit Temperaturen bis zu -20°C. Positiv hervorzuheben seien die exzellente Unterstützung des Verbandes durch das Gastland im Rahmen des Host Nation Support sowie eine kaum zu übertreffende Gastfreundschaft der Litauer. Das Zusammenwirken der an der Battlegroup beteiligten Nationen trage darüber hinaus wesentlich dazu bei, ein gemeinsames Führungsverständnis zu entwickeln.

In einer ausführlichen und sehr offenen Aussprache wurden etliche Aspekte der Ausführungen aufgegriffen und vertieft. Das Auditorium war von den Anforderungen an die Führung eines multinationalen Verbandes ebenso beeindruckt wie von der lebendigen und humorvollen Vortragsweise des Referenten, dem es überzeugend gelungen ist, ein anschauliches Bild der Besonderheiten einer multinationalen Battlegroup und den Gegebenheiten des Gastlandes Litauen zu vermitteln.

Generalleutnant a.D. Jürgen Ruwe

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