Feb 22 2016

Jahrbuch Innere Führung 2015

Jahrbuch Innere Führung 2015

Uwe Hartmann/Claus von Rosen (Hrsg.)

Reihe JAHRBUCH INNERE FÜHRUNG

Carola Hartmann MILES-Verlag

Vor kurzem ist das „Jahrbuch Innere Führung 2015“ erschienen; es trägt den Untertitel „Neue Denkwege angesichts der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Krisen, Konflikte und Kriege“. Diese Überschrift suggeriert zunächst einmal, daß den Leser eine Beschreibung respektive Analyse der aktuellen weltweiten Bedrohungslage, Konfliktsituationen und Kriegsszenarien erwartet, viel weniger hingegen eine Einbettung dieses komplexen Problembündels in das Feld der Inneren Führung. Die Herausgeber machen indes gleich in der Einleitung deutlich, daß eben das ihr Ziel ist: sie führen dazu aus, daß neuen Herausforderungen in der Regel nicht mit alten Denkmustern begegnet werden kann und sehen gerade die Kraft und Substanz der Inneren Führung darin, solche notwendigen Veränderungsprozesse zu initiieren und zu gestalten. In insgesamt 16 Aufsätzen wird sodann diesen Zusammenhängen aus unterschiedlichen Perspektiven nachgespürt.

Gleich im ersten Beitrag nimmt sich Claus von Rosen des Begriffes „Kriegsbild“ an und konstatiert, daß dieser Terminus in der deutschen politischen/sicherheitspolitischen community seit je weitestgehend vermieden wurde und wird. Weder in den bisherigen Weißbüchern noch in Führungsvorschriften wird diesem Thema ausreichend Beachtung geschenkt. Rosen sieht diese Abstinenz sehr kritisch und fordert daher „die Klärung des Begriffs, für das Verständnis von politisch-strategischen wie auch operativen Überlegungen zur Kriegsführung wie auch für die Innere Führung.“ [S. 12 o.]

Klaus Naumann greift in seiner Abhandlung „Auch heilige Kühe müssen über den Zaun grasen. Die Einheit des militärischen Denkens und Handelns: Politik, Strategie und militärische Professionalisierung“ das Konstrukt der strategischen, operativen und taktischen Führungsebene auf und beklagt, daß dieser „Dreischritt“ den neuen komplexen Herausforderungen nicht mehr gerecht wird. Am Beispiel des Afghanistan-Einsatzes zeigt er die Defizite auf und plädiert für ein soldatisches – von Verantwortungsebenen unabhängiges – Denk- und Handlungsbewußtsein, welches von der „Präsenz des Politischen“ geprägt sein muß. Insbesondere der Inneren Führung mißt er in diesem Zusammenhang einen besonderen Gestaltungswert zu.

Uwe Hartmann geht in seinem Beitrag auf immanente Probleme in der zivil-militärischen Zusammenarbeit ein. Ausgehend vom Ansatz der „vernetzten Sicherheit“ zeigt er zunächst umfassend auf, wodurch und in welcher Weise – trotz vieler gutwilliger Bemühungen – ein latentes Spannungsverhältnis zwischen zivilen und militärischen Akteuren herrscht. Unter Rückgriff auf Clausewitz weist er im Übrigen darauf hin, daß dieses Phänomen so neu nicht ist. Als Konsequenz aus seiner Problemanalyse skizziert er einen auf das Militär gemünzten Verhaltensplan, welcher die Situation verbessern helfen und zum Abbau von Frustrationen beitragen soll. Und erneut wird die auf dem Konzept der Inneren Führung basierende Führungsphilosophie in den Streitkräften der Bundeswehr als ein wesentliches Element auf diesem Wege hervorgehoben!

Diese kurzen Eindrücke sollen deutlich machen, welches Spektrum in diesem lesenswerten Band erwartet werden darf. Die Autoren nehmen allesamt die erhebliche Komplexität der aktuellen Krisen-/Konflikt-/Kriegsszenarien zum Anlaß, aus einem je spezifischen Blickwinkel militärisches Denken und Handeln zu betrachten und zu bewerten. Stets spielen dabei die Intentionen, Wertvorstellungen und der strategische Kern der Inneren Führung eine prominente Rolle.

Mit diesem Jahrbuch 2015 liegt mittlerweile der siebte Band einer Reihe vor, die ihren Anfang in 2009 nahm und in der seitdem in jährlicher Folge das weite Feld der Inneren Führung unter einem jeweils speziellen Aspekt sowohl kritisch als auch konstruktiv betrachtet wird. Den Herausgebern gelingt es dabei jedes Mal erneut, eine Reihe von namhaften und – in Bezug auf das je gewählte Leitthema – kompetenten Autoren für Beiträge zu gewinnen. Die so bisher vorliegenden Bände stellen daher eine bedeutende Sammlung grundlegender Reflexionen und vielschichtiger Erwägungen zu den aktuellen Herausforderungen, Entwicklungen und Perspektiven des Leitbildes vom „Staatsbürger in Uniform“ dar.

Im ersten Band der Reihe wird unter dem Titel „Die Rückkehr des Soldatischen“ der Frage nachgespürt, welcher Einfluß auf das Bild vom Soldaten und dessen Selbstverständnis von der Tatsache ausgeht, daß die bundesdeutschen Streitkräfte eine Armee im Einsatz geworden sind. Dabei betonen die Herausgeber gleich zu Beginn, keineswegs die Grundpfeiler der Inneren Führung einreißen zu wollen. Wohl aber sehen sie den Bedarf, eine Diskussion zu führen über das latente Spannungsverhältnis zwischen einer auf Friedfertigkeit ausgerichteten Zivilgesellschaft einerseits sowie den Soldaten als Kämpfer und Anwender von Gewalt andererseits. Die Beiträge dieses Bandes konzentrieren sich folgerichtig auf die politischen, gesellschaftlichen und ethischen Dimensionen dieses Phänomens und betrachten auch die notwendigen Folgerungen für Führung, Erziehung und Ausbildung.

Das Jahrbuch 2010 beschäftigt sich, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Afghanistan-Einsatzes, mit den „Grenzen des Militärischen“. Die Themen kreisen folgerichtig um die Frage, welchen Beitrag das Militär im Kontext von umfassend angelegten Präventions-, friedenserhaltenden und -schaffenden Maßnahmen überhaupt leisten kann bzw. – nach Auffassung der es tragenden Gesellschaft – überhaupt leisten soll.

Die Ausgabe 2011 greift das Thema „Ethik als geistige Rüstung für Soldaten“ auf und geht der Frage nach, welche Verantwortung aus der Bindung an Werte und Normen für das militärische Handeln und Entscheiden erwächst. Damit wird ein fundamentaler Bereich der Inneren Führung berührt. Unter Bezugnahme auf Clausewitz‘ „wunderliche Dreifaltigkeit“ wird Ethik als die Klammer betrachtet, welche politische Führung, Gesellschaft und Militär in einen Verantwortungsverbund einhegt und aus der sich die spezifische Berufsethik des Soldaten ableitet.

Mit dem vierten Band der Reihe in 2012 wird unter dem Subtitel „Der Soldatenberuf im Spagat zwischen gesellschaftlicher Integration und suis generis-Ansprüchen“ eine grundlegende Diskussion über Anspruch, Wirklichkeit und notwendige zukünftige Entwicklung der Inneren Führung geführt. Die Herausgeber stellen einleitend fest, daß die Innere Führung – angesichts von Suspendierung der Wehrpflicht, Verkleinerung der Streitkräfte und Verringerung der Standorte (Rückzug aus der Fläche) – offensichtlich an einem Scheideweg stehe und daher entschieden werden müsse, wie das Verhältnis der Gesellschaft zu ihren Soldatinnen und Soldaten zukünftig ausgestaltet sein solle. Die kontroversen Beiträge dieses Jahrbuches markieren dabei deutlich die Konfliktlinie zwischen einer auf noch mehr gesellschaftliche Integration ausgerichteten Denkweise einerseits und eher traditionell orientierten Verfechtern eines militärischen Eigenweges andererseits.

Das Jahrbuch 2013 mit dem Leitthema „Wissenschaften und ihre Relevanz für die Bundeswehr als Armee im Einsatz“ schlägt den Bogen von der Gründung bundeswehreigener Universitäten und der Einführung des Pflichtstudiums für Offiziere zum heutigen Stellenwert akademischer Bildung für die Bundeswehr und ihre Einsatzorientierung. In den ersten Beiträgen wird zunächst erörtert, warum Bildung, akademisches Wissen zumal, überhaupt für den Offizier von Bedeutung sein soll – wobei die Beantwortung dieser Frage aus dem Blickwinkel der Inneren Führung eindeutig ist. In einem zweiten Abschnitt werden sodann konkrete Aufgabenbereiche dargestellt, in denen Wissenschaften bereits einen wichtigen Beitrag zur Auftragserfüllung geleistet haben.

Der in 2014 folgende Band setzt diese Betrachtung insofern fort, als er unter der Überschrift „Drohnen, Roboter und Cyborgs – Der Soldat im Angesicht neuer Militärtechnologien“ die aus den Natur- und Technikwissenschaften resultierenden Möglichkeiten für die Entwicklung und den Einsatz neueren militärischen Gerätes thematisiert. Neben den rein technischen Aspekten betrachten die Autoren insbesondere die Auswirkungen auf die Führungskultur (Führen mit Auftrag!) in den Streitkräften und – damit natürlich verbunden – die Folgen für das Leitbild „Staatbürger in Uniform“. Denn dieses beinhaltet eben nicht nur Fürsorge und Betreuung, sondern ganz bewußt in erster Linie das beständige Vergewissern um die Legalität und Legitimität militärischen Tuns.

Die bisher erschienenen Bände dieser Reihe decken also ein breites Spektrum von Betrachtungsebenen im Hinblick auf die Innere Führung ab. Dabei muß man den Herausgebern Anerkennung zollen für ihr Gespür, ein jeweils aktuelles Thema aufzugreifen, es mit einer zupackenden Überschrift zu versehen und sich der Mitarbeit von Autoren zu versichern, die ein breitgefächertes Meinungsbild vertreten. Auf diese Weise ist schon jetzt ein umfangreiches Kompendium entstanden, in dem Kritisches und Konstruktives, Nachdenkenswertes und Anregendes versammelt sind. Gleichwohl soll den Herausgebern Mut zugesprochen werden, auf diesem Weg fortzufahren und weitere Jahrbücher in diesem Stile folgen zu lassen, immer getragen von dem Bemühen, dem Baudissinschen Konzept zu dienen und dessen Bedeutung nicht verblassen zu lassen.

Oberst a.D. Dr. D.-H. Müller

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