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Okt 21 2016

Dietger Lather: „Für Deutschland in den Krieg“

Beitrag von Deutschlandradio Kultur

Dietger Lather hat ein Buch über die Bundeswehr in Afghanistan geschrieben. Einerseits ist es ein Ratgeber für alle Soldaten und Zivilisten, die in Auslandseinsätze gehen müssen, und andererseits ist es eine Streitschrift gegen das politische und militärische Establishment.
Mein erster Gedanke: Schon wieder ein Buch über die Bundeswehr in Afghanistan, über verfehlte Politik am Hindukusch, über schlechte Öffentlichkeitsarbeit des Verteidigungsministeriums und über falsche Einsatzkonzepte der Bundesregierung? Nicht schon wieder. Nicht wirklich!
Irgendwann hat jeder die Nase voll von Büchern, in denen Soldaten über den Alltag in Militärcamps lamentieren und den dritten oder vierten Aufguss der immer gleichen Verschwörungstheorie servieren: Die Bundeswehr hätte alle Krisen überwunden, wenn nicht deutsche Politiker sie gehindert hätte.
Trotzdem: Es wäre ein schwerer Fehler, das Buch von Dietger Lather ungelesen weg zu legen. Denn es unterscheidet sich deutlich von anderen: Einerseits ist es ein Ratgeber für alle Soldaten und Zivilisten, die in Auslandseinsätze gehen müssen, und andererseits ist es eine Streitschrift gegen das politische und militärische Establishment.
Diese Doppelrolle zeigt gleichzeitig auch das größte Manko dieses Buches auf. Oft wird nicht klar, ob gerade der Ratgeber oder der Kritiker spricht – wie in diesem Beispiel:
Dietger Lather: „Bis zu 2000 Euro bezahlen Soldaten, um besser ausgerüstet in die Einsätze zu gehen. Dieses Phänomen, über eine gute Ausrüstung zu verfügen und ihre Mängel zu beklagen, wird immer existieren. Wenn Soldaten allerdings ihre Ausrüstung selbst bezahlen, darf man es nicht ignorieren.“
Familie auf Auslandseinsatz vorbereiten
Cover: „Für Deutschland in den Krieg“ (Tectum Verlag)Die Ratgeber-Aufgabe erfüllt das Buch. Das Spektrum reicht von der Ausbildung, über Tabuisierung der Ängste bis zur sorgsamen Pflege der Kontakte nach Hause. Vor allem Letzteres nimmt breiten Raum ein.
Denn die Familie müsse die Abwesenheit von Vater, Sohn, Schwester, Mutter genauso verarbeiten wie der Soldat selbst. Er empfiehlt, frühzeitig das gesamte soziale Umfeld darauf vorzubereiten, was sich im alltäglichen Miteinander ändern wird.
Dietger Lather: „Es sind diese banalen Dinge, die in einer Partnerschaft oder Familie eingespielt sind und das Zusammenleben erleichtern.“
… und erschweren, wenn Ehemann, Vater oder Mutter weg ist und diese Lücke gefüllt werden soll.
Dietger Lather: „Jeder muss darauf bedacht sein, dass seine nächste Umgebung monatelang ohne ihn auskommen kann. Er muss sich selbst … überflüssig machen. Nach der Rückkehr wird er natürlich körperlich präsent sein, aber seine zuvor innegehabte Position in der Familie, der Partnerschaft und dem sozialen Umfeld muss er zurückgewinnen. Beides fällt vielen nicht leicht.“
Militärische Sprache vernebelt Realität
Dietger Lather, Oberst a.D. der Bundeswehr, nahm an mehreren Auslandseinsätzen teil und war unter anderem Kommandeur des Zentrums Operative Information. In dieser Funktion hat der 62-jährige Autor die Außenwahrnehmung der Bundeswehr in Afghanistan mitgeprägt und die interkulturelle Einsatzbesprechung in der Bundeswehr praktiziert. Entsprechend ausführlich geht der Oberst a.D. auf seine eigenen Erfahrungen ein. So kritisiert er ehemalige Kollegen und Vorgesetzte, …
Dietger Lather: „… die lieber die sprachlichen Weichmacher benutzen oder mit einer formalisierten militärischen Sprache Berichte über die Realität von Einsätzen vernebeln.“
… und auch Journalisten und ihre Berichterstattung:
Dietger Lather: „Das erste Opfer im Krieg sei die Wahrheit, wird ein Jahrtausende alter Ausspruch von Aischylos oft zitiert. Er sollte nicht nur die Wände des Pressestabes zieren, sondern auch die der Redaktionen und zur Reflexion ermutigen. Der Kontrast zwischen den Sensationsmeldungen aus dem Einsatz und den schlechten Nachrichten sowie den eigenen Erfahrungen der Soldaten ist immens.“
Hinzu komme die unbedachte Verwendung militärischen Jargons, beispielsweise wenn deutsche Soldaten amerikanische Kameraden imitieren und das Einsatzgebiet scheinbar neutral „Indianer-Land“ nennen. In Afghanistan erfuhren dies die Taliban und nutzten es für ihre Propaganda, indem sie ihre Landsleute darauf verwiesen, ihnen drohe ein ähnliches Schicksal wie den Indianern in den USA.
Deutsche als sunshine-soldier wahrgenommen
Selten wird in Büchern über die Einsätze in Afghanistan auf die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten eingegangen. Wie solle man, fragt Dietger Lather in seinem Exkurs zur interkulturellen Kompetenz, mit Soldaten zusammenarbeiten, die die Fotos aus dem Gefängnis Abu Ghuraib verteidigen und die Foltermethoden wie „waterboarding“ als zulässig ansehen.
Dietger Lather: „Die Deutschen anderseits werden von ihren Partnern im Einsatz sehr unterschiedlich wahrgenommen. Das Wort von den deutschen ’sunshine-soldiers‘ war in aller Munde. Dies änderte sich erst mit den ersten größeren Gefechten, die von deutschen Soldaten geführt wurden und in denen einige von ihren starben. Mit einer gewissen Schadenfreude wurde von manchem internationalen Kameraden registriert, dass auch die Deutschen kollaterale Schäden verursachen.“
Fazit: Ein lohnenswertes Buch für den Leser, der über die Rolle des Kriegspartners Deutschland mehr erfahren will als das, was geschönte Pressetexte der Bundeswehr-Propagandastellen vermitteln.
Zudem hat sich Dietger Lather große Mühe gegeben, für eigene Erfahrungen noch zusätzliche Quellen zu nennen – in vielen Fußnoten und einem 20 Seiten langen Literaturverzeichnis.
Allerdings: dies ist kein Buch, um sich mal schnell ein Bild zu machen. Es verlangt Zeit – zum Lesen und zum Nachdenken.
Dietger Lather: „Für Deutschland in den Krieg – Auslandseinsätze der Bundeswehr und was Soldaten, ihre Angehörigen und die deutsche Gesellschaft darüber wissen müssen“

Tectum Verlag, Marburg 2015
304 Seiten, 19,95 Euro

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