Vortrag von Fregattenkapitän d. R. Dr. Andreas Wolfrum vor dem RK Nord

Das Verständnis der Chinesen von sich selbst und der Welt: Genese und Wandel

„Wir sind viele, wir sind vielfältig, wir sind eigen, wir sind ewig“

Mit dieser Reihung von Schlagworten lassen sich laut Fregattenkapitän d. R. Dr. Andreas Wolfrum viele Aspekte eines Selbstverständnisses der Chinesen subsumieren. Die seit Jahrhunderten größte in quasi einem Staat organisierte Menschengruppe der Welt empfindet sich im Inneren als außerordentlich heterogen. Dabei ist sie sich aber auch ihrer verbindenden Eigenheiten bewusst und leitet aus ihrer Zivilisation und Geschichte – unabhängig von den gerade Herrschenden – Hoffnungen für die Zukunft ab.

„Das EINE Selbstverständnis der Chinesen gibt es nicht“

Andreas Wolfrum hat von 2014 bis 2018 im Auftrag der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in China gelebt und gearbeitet. Anhand von zehn prägenden Elementen versucht er, eine Annäherung an das chinesische Selbstverständnis. Seinen Vortrag illustrierte durch Fotos aus den verschiedenen Regionen des Landes und durch Anekdoten aus seinem Berufsalltag. Er wertet aber auch kritische Kommentierungen der inländischen öffentlichen und sozialen Medien mit aus. Dabei betont er, dass die Sicht von außen häufig aus Mangel an (Sprach-)Kenntnissen zu Pauschalisierungen und Urteilen führe, die mehr über die Wünsche und Bedürfnisse der Deutschen verrate, als über die Chinesen selbst. Das EINE Selbstverständnis von DEN Chinesen könne es schon allein deswegen nicht geben, weil die Befindlichkeiten zwischen der Volksrepublik China, Taiwan, Hongkong, Macao sowie den in anderen Ländern lebenden Chinesen manche Unterschiede erklärbar machen.

Dennoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen, die der Vortragende entwickelt und beim Publikum Erkenntnisse generiert. Dazu gehört z.B. das kulturell begründete sinozentrische Weltbild (als Entsprechung zur europazentrieren Weltsicht) und die Vorstellung, die Zivilisationen der Welt durch technische Innovationen bereichert zu haben. Der der chinesische Wiederaufstieg in den letzten Jahrzehnten legt dafür Zeugnis ab.

Konfuzianismus hat wieder an Bedeutung gewonnen

Mit dem Konfuzianismus hat eine Philosophie, die der Hierarchie, der Familie sowie Bildung und Erziehung eine besondere Rolle beimisst, wieder an Bedeutung gewonnen. Er wird auch von der Staats- und Parteiführung zur Herrschaftsstabilisierung gefördert, nachdem es unter Mao in der Volksrepublik zahlreiche Versuche zur Diskreditierung gegeben hat.

Die Wahrnehmung der Welt hing in den Phasen der Abschottung und denen der Öffnung aus chinesischer Perspektive jeweils von ihren Trägern, Steuerungen und Absichten ab, sie für die eigene Entwicklung nutzbar zu machen. Dabei sind die Verhältnisse zu anderen Nationen nicht frei von historischen Belastungen: Mit Japan verbinden viele Chinesen aufgrund der Ereignisse in den letzten 130 Jahren eine Hassliebe, mit Nordkorea ein ideologische, mit Südkorea eine primär wirtschaftliche Verbundenheit. Während über Jahrhunderte die nomadischen Steppenvölker des Nordens als Bedrohung des chinesischen Kaiserreiches und der Zivilisation wahrgenommen wurden, entdeckte die kontinentale Insel China erst im 19. Jahrhundert seine Küstenregionen im Osten, notgedrungen, weil die europäischen Mächte auf dem Seeweg und mit militärtechnischer Überlegenheit das im Inneren zerrüttete Reich bedrängten und nach Kriegen China in „Ungleichen Verträgen“ an ihre Kolonialreiche banden, was im Land als das „Jahrhundert der Schande“ bezeichnet wird.

Die Kontinuität des kulturellen Selbstverständnisses zeigt sich schließlich auch heute noch tief im Alltag verwurzelt und über die Sprache von Generation zu Generation weitergegeben: Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben, das unter anderem von einer „Symbolischen Politik“ und „Gesichts wahrenden Aushandlungsprozessen“ geprägt ist, haben trotz oder vielleicht auch gerade wegen den vielen anderen Sinisierungen, d.h. die Übernahme und Modifikation von Fremdem, in der heutigen Volksrepublik China Bestand.

Die Vortragsveranstaltung wurde abgerundet durch einen Kurzvortrag der beiden Leutnante z. See Franziska Borrmann und Steffen Tylewski über ihren Auslandsaufenthalt an der US Naval Academy.

FKpt d.R. Dr. Andreas Wolfrum, Lt zS Steffen Tylewski, Lt zS Franziska Bornemann, Oberst d. R. Ullrich Tiedt, Leiter RK Nord

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