Rezension: Kurt Graf v. Schweinitz: Notizen im Transit von Krieg und Frieden

Um es gleich vorwegzunehmen: „Notizen im Transit von Krieg und Frieden“ ist das beste Buch, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Meine Begeisterung darüber ist grenzenlos und ich hoffe, die Gründe dafür in dieser Besprechung angemessen zum Ausdruck bringen zu können. Was ist das Besondere an diesem Werk? Es atmet den Geist des preußischen Generals und Kriegstheoretikers Carl von Clausewitz und seiner dialektischen Denkmethode, es untermauert eigene Erkenntnisse mit passgenauen Zitaten klassischer Autoren, und es ist gleichzeitig so praktisch, dass diejenigen, die mit Fragen von Krieg und Frieden zu tun haben, daraus wertvolle Orientierungen für ihr eigenes Tun ziehen können. Zudem bedient sich der Autor einer Sprache, die mitreißt. Kurze Hauptsätze wechseln sich ab mit Satzgefügen, in denen Nebensätze sich staccatoartig aneinanderreihen. Seine Wörter ist nicht durch Fußnoten beschwert, ironische Zwischentöne lassen den Leser leise lachen, und bei den knappen Beschreibungen im „Bildarchiv“ spulen sich wie von Geisteshand bewegt ganze Szenen vor den Augen des Lesers ab. Auf diese Weise wird der Leser eins mit dem Autor: Er versteht, wie beispielsweise dessen Erlebnisse in der Endphase des II. Weltkrieges, der „Blick in den Abgrund“, sein Maßstab im Leben wurden und ihn die Dinge mit Abstand betrachten ließen, „aber auch zum Hohen hinanschauen“.

Werden wir nun etwas konkreter und gehen mehr ins Detail. Der Autor, Kurt Graf von Schweinitz, fast 90 Jahre alt, General der Bundeswehr a.D., nennt sein Buch „Notizen“. Nun, dies ist feines britisches Understatement, wie es in seiner Wahlheimat London üblich ist. Tatsächlich ist sein Buch eine philosophische Abhandlung über das Verhältnis von Politik und Militär in Krieg und Frieden. Obwohl es als Biografie daherkommt, finden sich darin keine Selbstbetrachtungen. Selbstlob hat hier keinen Platz. Persönliche Erfahrungen dienen Graf Schweinitz nur als Ausgangspunkt für ein tiefes Nachdenken, er will zum Kern der Probleme vordringen. Das gelingt dem Autor ganz überzeugend: Sein Buch bietet uns Einblicke in „Weltbegebenheiten“ und das diese bewegende „Weltgetriebe“. Er wagt sogar Prognosen. Es sind die großen Trends, die er aufspürt, die tektonischen Verschiebungen und die ihnen zugrundliegenden titanischen Kräfte, die er analysiert, um uns einen Ausblick auf die Zukunft zu geben. Dass angesichts dieser Dimensionen Politiker wie Trump oder Putin keine Erwähnung finden, unterstreicht die Bedeutung der Dinge, denen er auf der Spur ist.

Gehen wir kurz auf die Dialektik des Autors ein. Schon im Titel seines Buches scheint diese hervor: Es geht um Krieg und Frieden. Das eine kann nicht ohne das andere gedacht werden. In der Nachfolge Clausewitz´ bestimmt Graf Schweinitz Frieden als obersten politischen Zweck eines Krieges. Ist dies nicht der Fall, wie im II. Weltkrieg und wohl auch in den endlosen (Bürger-)Kriegen der heutigen Zeit, müsse ein Volk nutzlos leiden und ausbluten. Die Kriegsführung würde entsittlicht, die zivilisierte Gesellschaft fiele in sich zusammen. Diese Einsicht entwickelt der Autor vor dem Hintergrund seiner oftmals grausamen Erlebnisse in den Jahren 1944/45, die er mit bewundernswerter Milde schildert. Dass sein Ausblick auf die Zukunft der Menschheit insgesamt eher optimistisch daherkommt, liegt vor allem daran, dass er in all dem Schrecklichen immer noch das Menschliche, das Humane, sucht und findet.

Dialektisch ist auch sein Denken über die moderne Technologie. Durch Massenwirkung und Automatisierung überschreite diese die Grenzen einer angemessenen Gewaltanwendung, wie der schonungslose, gegen die Zivilbevölkerung gerichtete strategische Luftkrieg der Alliierten im II. Weltkrieg oder auch die Bombardierungen der US-Streitkräfte im Vietnam-Krieg gezeigt hätten. Vor allem die in der westlichen Welt weit verbreitete Technikgläubigkeit zerstöre die traditionellen sittlichen Einhegungen zivilisierter Kriegführung. Die „niedersten Triebe, der Wahnsinn in ihm“, erhalte so freien Lauf. Gleichzeitig bricht, so der Autor, selbst aus der technischen Kriegführung die Menschlichkeit immer wieder hervor, das Gute überlebt trotz der apokalyptischen Vernichtung. Im Weltmaßstab betrachtet bringe Technik die Menschen sogar zusammen, sie fördere die „Homogenität der Völker“. Dies könnte die Grundlage für ein gemeinsames Ethos bilden, für einen sittlichen Habitus, der sich positiv auf Krieg und Frieden auswirkt.

Auffällig ist, dass Graf Schweinitz klassische Autoren von Goethe bis Nietzsche oder auch Sätze aus der Bibel zitiert, um die von ihm ermittelten Zusammenhänge zu untermauern. Dabei geht es ihm nicht darum, mit höherer Bildung zu brillieren und so Ehrfurcht beim Leser zu generieren. Vielmehr weist er uns darauf hin, wie viel wir heute von unseren Klassikern wieder lernen könnten und dass unsere Politiker und Generale die Herausforderungen von Krieg und Frieden besser verstünden, wenn sie über eine humanistische Bildung verfügten. Dann würden nicht Digitalisierung und Big Data, sondern der Mensch mit seinen Erkenntnisgrenzen und Fehlern und ganze Völker mit ihrer Moral und ihren Leidenschaften in den Vordergrund treten. Folgerichtig enthält dieses Buch weder Statistiken noch politikwissenschaftliche Theorien. Graf Schweinitz will das Humane und eine darauf zielende Bildung wieder in den Mittelpunkt rücken. Dazu dient ihm auch seine Kritik an der Ausbildungs- und Bildungswirklichkeit in Diplomatie und Militär, die vom Kern der Dinge ablenke. Anschaulich stellt der Autor diese Fehlentwicklungen in dem Kapitel über die Generalstabsausbildung der Bundeswehr dar. Er selbst ist Angehöriger des 6. Generalstabslehrgangs, der Ende der 1960er Jahre stattfand. Nicht zuletzt aufgrund des US-amerikanischen Einflusses in der NATO sei das deutsche Verständnis von der Natur des Krieges und die daraus abgeleitete Führungskunst in den Hintergrund getreten. Die moderne Technik, das Spezialistentum und die Verwissenschaftlichung hätten dazu geführt, dass Entscheidungen in Politik und Militär auf der Grundlage berechenbarer Größen getroffen würden. Dabei seien im Kriege die Dinge nicht nur volatil, sondern von Natur aus unbestimmbar. Schon damals, als Lehrgangsteilnehmer, ist dem Autor schmerzhaft aufgefallen, dass über die Natur des Krieges und das Politische in ihm genauso wenig unterrichtet wurde wie über die neueste Kriegsgeschichte. Kurzum: Clausewitz wurde nicht gelesen.

Dieses Defizit habe unmittelbare Auswirkungen auf den Umgang mit Informationen. Als ehemaliger Leiter des militärischen Nachrichtendienstes weiß Graf Schweinitz aus eigener Erfahrung, dass ein Mehr an Informationen nicht zu mehr Erkenntnis führt, sondern oftmals bloß zu Informationsstaus. Aus der Datenvielfalt würde nur noch das ausgewählt, was die eigenen Vorannahmen und Feindbilder bestätigt.  Die Hoffnung, der Datenflut durch Informationstechnologien Herr zu werden, gehe einher mit der Vernachlässigung der Beurteilung der Absicht eines Gegners, seiner moralischen Verfassung und seiner historischen Erfahrungen. Empathie gehe so genauso verloren wie die Einsicht in die elementare Rolle des Zufalls.  All dies sei, so Graf Schweinitz, besonders gefährlich, wenn fehlerhafte Lagebeurteilung, unklare Politik und unsichere Diplomatie eine unheilige Allianz bildeten.

Mit spitzer Feder zeigt Graf Schweinitz die Wirkungen eines auf Technologie und Empirie verkürzten Kriegsbildes und Führungsverständnisses auf. Generale im Einsatz seien heute nur noch „Führungsgehilfen ihrer politischen Zentralen“, ihre operative Handlungsfreiheit sei eingeschränkt, die Taktik vor nicht umsetzbare Aufgaben gestellt. Dabei habe die Politik, so ließe sich zwischen den Zeilen lesen, eigentlich keine guten Gründe, die Generale so an die Kandare zu nehmen. Ihr Verlust von Empathie, des Hineindenkens in einen Gegner oder Konkurrenten, führe zu überambitionierten eigenen Zielen und nicht ausreichend bedachten Folgewirkungen. Trotz zahlreicher Kriege bzw. Auslandseinsätze bliebe die Wirtschaft Schwerpunkt ihres Tuns, Krieg sei daher nur ein „Halbding“. Lange Kriege gerieten schnell in Vergessenheit, das Treueverhältnis zwischen Staat und Soldat würde einseitig aufgekündigt. Die Politik sei sogar bereit, Frieden um den Preis einer demütigenden Niederlage zu schließen. Besonders gefährlich wäre es, wenn externe Berater in Spiel kämen, die mit dem Wesen des Krieges unvertraut sind, aber leichtfertig beraten, weil sie nicht über Verantwortung verfügten. All dies belaste die Beziehungen zwischen Politik und Militär.

Praktisch ist Graf Schweinitz auch in seinen Ausführungen zur Menschenführung im Militär. Soldaten bräuchten Vorgesetzte, die mehr „Papa“ sind als Prozessoptimierer, die Vorbilder sein wollen und persönliche Verantwortung übernehmen ohne sich jederzeit nach oben abzusichern, die Tradition und Korpsgeist pflegen und sich nicht in Reorganisationswut verlieren, die geistig beweglich und taktisch frech sind, dabei aber wissen, dass nur das Einfache Erfolg haben wird und der Soldat klare Ansprachen benötigt. Kurzum: Graf Schweinitz fordert eine Rückbesinnung auf das, was komparativer Vorteil deutscher Streitkräfte war: nicht die Masse an Material und Informationen, sondern die Führungskunst mit der Entschlossenheit, sich bietende Chancen selbständig zu nutzen.

Graf Schweinitz´ Buch ist keine Handlungsanweisung. Es sagt dem Leser nicht, was er tun soll. Es hilft ihm allerdings dabei, tiefer und breiter zu denken und sich durch Bildung ein „inneres Licht“ zu erarbeiten, das seinen Charakter stärkt und in der Ungewissheit seinen Weg weist. Es ist damit eine ideale Grundlage für die Selbstbildung des Einzelnen – sei er Politiker, Diplomat oder Soldat.

Uwe Hartmann

Kurt Graf v. Schweinitz: Notizen im Transit von Krieg und Frieden,
Berlin 2020, 156 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag,
ISBN 978-3-96776-000-2, Hardcover, Preis: 24,80 Euro

 

 

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