Rezension der Neuerscheinung von Dr. Jochen Thies: NORMANDIE 1944

Seit Donald Trump Präsident der USA ist, haben seine Äußerungen zur NATO viel Kritik erfahren und viel Unsicherheit über die Zukunft der Atlantischen Allianz hervorgerufen.

In dieser Lage kann eine Neuerscheinung zu den Gegebenheiten und Perspektiven deutscher Außenpolitik an der Seite der westlichen Demokratien mit gelassener, aber engagierter Analyse der Fundamente, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede unserer wichtigstenVerbündeten zur eigenen Meinungsbildung beitragen.

Die Analysen, Betrachtungen und Einschätzungen des gebildeten Historikers finden ihre emotionale Grundlage in persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen mit Amerika, Frankreich und Großbritannien. So erläutert er in den ersten drei Kapiteln historische Entwicklungen seit dem 2. Weltkrieg in enger Verbindung mit Erlebnissen seines Vaters als Kriegsgefangener und rund um eigene Aufenthalte und wichtige Begegnungen in diesen Ländern.

Dieses Jahr wird der 75. Jahrestag des  „D-Day“, der Landung der Allierten in der Normandie, Anlass zu einer Reihe von Gedenkveranstaltungen bilden.

An dieser Landung im Norden Frankreichs waren Soldaten, Männer und Frauen, aus 15 Demokratien beteiligt, neben den USA und Großbritannien auch aus Australien und Neuseeland. Viele Länder dieser Allianz der Demokratien bildeten dann auch 1949 den Kern der westlichen Allianz, um sich gegen die nach Westen ausgreifende Sowjetunion zu behaupten. Der westliche Teil Deutschlands wurde – erst nach der Wahl 1953 innenpolitisch entschieden – 1955 Teil dieser Allianz – auch als Brückenkopf.

Heute, 70 Jahre nach Gründung der Nordatlantischen Allianz zählt sie 29, bald 30 Mitglieder. Sie hat nach dem Ende des „Kalten Krieges“ mit der Öffnung für viele Länder Mittel- und Osteuropas einen Beitrag für Staaten auf dem Weg in die Unabhängigkeit sowie in eine demokratische Staatsform und wirtschaftliche Entwicklung geleistet.

Seit einigen Jahren stehen die Allianz, aber auch die EU vor der Herausforderung eines revisionistischen, offensiven Russlands und seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA auch durch disruptive Entwicklungen innerhalb der eigenen Organisationen.

Der Autor entwickelt seine Gedanken entlang der „Normandie-Koalition von 1944“. Es waren demokratische Staaten und Gesellschaften, die ganz nach Clausewitz den politischen Zweck, daraus folgende Ziele und – neben gewaltigen materiellen Mitteln – den soldatischen Einsatz ihrer Jugend zur äußersten Anstrengung zusammenfügten, um das Deutschland des Hitler Regimes vollständig zu besiegen. Sie brauchten dazu auch den Pakt mit dem sowjetischen Russland, dessen Anteil zum Sieg über den Nationalsozialismus unverzichtbar war. Allerdings war nach dem Sieg rasch offenkundig, dass die fundamentalen Gegensätze und Machtinteressen zur Trennung und Gegnerschaft führten.

Der Autor ist überzeugt und erläutert, dass politisches, diplomatisches Handeln mit und zwischen National-Staaten militärische Substanz erfordert, also für Deutschland auch eine „gut ausgerüstete Bundeswehr“. Seine Schilderungen und Einsichten zu den gesellschaftlichen Fundamenten und politischen Eliten und Strukturen in Amerika, Frankreich und Großbritannien zeichnen kulturelle Konturen, aus denen Gestaltungskraft und –willen, Klugheit und Vorsicht, zupackendes Handeln und notwendige Geduld und Gelassenheit in je eigener Ausprägung erwachsen.

Er entwickelt eine Option für deutsches außenpolitisches Handeln, das sich an diesen Staaten, Demokratien und freien Gesellschaften orientiert. Er grundiert seine Überlegungen deshalb mit der historischen Wirklichkeit der „Normandie-Koalition 1944“. Er schildert die Veränderungen in der deutschen Außenpolitk in den Jahrzehnten vor und nach der Wende von 1989. Dass er dies nicht als geradlinige, eindeutige Entwicklung mit unseren westlichen Demokratien beurteilt, zeigt die Kapitelüberschrift „Außenpolitik à la Echternach“.

Er sieht vorwärts tastende, einerseits zum Handeln bereite, andererseits gemeinsamen Aktionen ausweichende, ja diese ablehnende Regierungen und Parlamentsmehrheiten. Wer diese Jahrzehnte miterlebt hat, wird als Leser seine eigenen Einschätzungen in Zustimmung oder Ablehnung anfügen. Seinen Schilderungen zu den Kämpfen in der Normandie schließt er ein Kapitel über das Verhältnis von Nation und Militär bei den Partnern an. Das zeigt Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den USA, Frankreich und Großbritannien. Zugleich eröffnet er einen Blick auf die schwierigen Gegebenheiten für die deutsche Politik und Gesellschaft im Umgang mit ihren Soldaten, aber vor allem mit der militärischen Macht als wesentlichem Teil eines handlungsfähigen Staates.

Seine analytischen und folgernden Ausführungen zu Frankreich, Großbritannien und Amerika können gerade durch das realistische Aufzeigen der Unterschiede vor der aktuellen Kulisse der letzten Jahre Hinweise auf (wieder) mögliches gemeinsames Handeln – mit Deutschland geben.

Die beiden Kapitel zur Wahl Trumps und zur „deutsch-russsichen Seelenverwandtschaft“ zeigen den Spannungsbogen, in dem sich Deutschland mit allen NATO- und EU-Europäern bewähren muss. Es gilt, einerseits Amerika als europäische Macht zu binden und andererseits mit klarer Abgrenzung gegen ein revisionistisches, offensives Russland Putins ein tragfähiges Verhältnis mit dem russischen Nachbarn zu erreichen.

Viele einzelne Betrachtungen und persönliche Einschätzungen ergeben das Bild eines skeptischen Optimismus. Er unterstreicht, dass „’Sicherheit‘ für Deutschland und für Europa eine herausragende Rolle spielen“. Hier, so der Autor, kann die Bundesrepublik durch solidarisches Verhalten Vertrauen zurückgewinnen, das sie in der Flüchtlingskrise verloren hat. Deutschland muss hier wie in der Armutsmigration europakompatibel bleiben. „Was Frankreich und Großbritannien in dieser Frage denken und sagen, ist und bleibt wichtig, oft auch richtig“.

Insgesamt hält er es für möglich, dass Europa den Spagat nicht schafft, dass es zu den absteigenden Mächten und Regionen der Welt gehört.“ Aber mit dem Hinweis auf die Großväter-Generation der demokratischen Staaten Europas und Nordamerikas vor 75 Jahren und die der Verzweiflung nahen Russen damals, hält er einen Ruck des wohlstandsverwöhnten Europa für möglich, um große, schwerwiegende Aufgaben zu schultern, die man im vielerorts nicht mehr zutraut.

Der Journalist und Historiker berichtet, erzählt, beurteilt und folgert in einer klaren, verständlichen Sprache. Seine Einschätzungen sind immer nachvollziehbar, auch wo man ihnen nicht zu folgen bereit ist. Ein Buch, das die eigene Reflektion über deutsche Außenpolitik und das Eingebundensein Deutschlands in den vielgestaltigen Reigen europäischer und transatlantischer Demokratien anregt und zur Beurteilung herausfordert.

Dr. Klaus Olshausen
Generalleutnant a.D.

Dr. Jochen Thies – NORMANDIE 1944
Die Normandie-Koalition als Kompass für die deutsche Außenpolitik der Gegenwart.
Klartext Verlag, Essen, 216 S., ISBN: 978-3-8375-2066-8, Produkt: Broschur
Taschenbuch 16,95 Euro

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