„Erfahrungen aus der Übung Vital Sword 2017“ – RK West am 27. 08. 2018

Die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung war im Heer in den vergangenen zwanzig Jahren sukzessive abgebaut worden. Sie wieder herzustellen, wie auf dem NATO-Gipfel in Wales 2014 gefordert, verlangt nicht nur erhebliche Anstrengungen in den Bereichen Personal und Material, sondern auch in der Ausbildung. Dabei hat das I. Deutsch-Niederländischen Korps in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterrolle in der NATO übernommen.   Im Herbst des vergangenen Jahres hatten die Division Schnelle Kräfte (DSK) und die 1. Panzerdivision (1.PzDiv) im Rahmen der Übung „Vital Sword 2017“ zu beweisen, inwieweit sie die Fähigkeit zur Bündnisverteidigung bereits wieder beherrschen.

Zu den sehr interessanten Erfahrungen aus dieser Übung berichtete Generalmajor Stephan Thomas, Stellvertreter des Kommandierenden Generals des I. Deutsch-Niederländischen Korps, der die Übung geleitet hatte, im RK WEST. Die computergestützte Gefechtsstandübung fand in zwei Phasen im Oktober und November 2017 im Gefechtssimulationszentrum Heer in Wildflecken statt. Zugrundegelegt wurde das fiktive Übungsszenario „Skolkan“ , in dem ein massiver Angriff mit mechanisierten Kräften aus dem skandinavischen Raum nach Süden auf die baltischen Staaten erfolgte.

Übungsszenario Skolkan

Da die ständig dort verfügbaren einheimischen und verbündeten Kräfte nicht ausreichten, einen solch massiven Angriff aufzufangen, wurden Verstärkungskräfte (DSK bzw. 1. PzDiv) aus Deutschland herangeführt und zum Einsatz gebracht. Die Übungsziele beinhalteten die Führung von vier Brigaden und die Integration zweier multinationaler Brigaden, das Führen von Angriffs- und Verteidigungsoperationen sowie bei der DSK zusätzlich von Luftlandeoperationen. Geübt werden sollte auch die Zusammenarbeit mit Allierten, der Host Nation, verschiedenen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen und weiteren zivilen Akteuren in einem hybriden Umfeld.
GenMaj Thomas stellte mit Anerkennung und großem Respekt dar, wie engagiert sich die beiden Divisionsgefechtsstände den sehr komplexen Aufgaben gestellt und dabei beachtliche Führungsleistungen erbracht haben. Er zeigte aber auch in aller Offenheit auf, in welchen Bereichen noch Defizite bestehen. Eine grundsätzliche Schwierigkeit besteht zum einen darin, dass persönliche Erfahrungen in der Planung von Operationen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung nur noch bei wenigen Älteren vorhanden sind und selbst bei diesen durch die langjährige Vernachlässigung dieses Themas in Theorie und Praxis oftmals verschüttet sind. Zum anderen können selbst die noch vorhandenen Erfahrungen nicht Eins-zu-eins umgesetzt werden, weil sich die Rahmenbedingen gegenüber dem Kalte-Kriegs-Szenario deutlich verändert haben. Im Übrigen ist auch zu bedenken, dass sich die Stäbe seit 2014 natürlich bei der Aus- und Weiterbildung nicht ausschließlich auf die Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung konzentrieren konnten, denn die laufenden Stabilisierungseinsätze hatten und haben natürlich Vorrang.
Defizite wurden u.a. in einer allzu ausführlichen und umfangreichen Befehlsgebung erkannt, die auch damit zusammenhängen mag, dass die Divisionsstäbe mit der Fokussierung auf Stabilisierungseinsätze in den letzten Heeresstrukturen personell stark angewachsen sind. Damit einher gehen dann auch Abstriche in der Mobilität der Gefechtsstände. GenMaj Thomas plädierte nachdrücklich dafür, wieder stärker auf das bewährte Prinzip des Führens mit Aufträgen zu setzen, die Befehlsgebung deutlich zu verschlanken und die Gefechtsstände zu verkleinern.
Insgesamt wurde in dieser Veranstaltung erneut deutlich, wie schnell aufgegebene Fähigkeiten verloren gehen, und wie langwierig es ist, sie wiederzubeleben. GenMaj Thomas vermittelte jedoch in seinem sehr anschaulichen und mit vielen Beispielen aus der Praxis unterlegten Vortrag den Eindruck, dass die Ausbildung der Divisionsstäbe in der neuen (alten) Aufgabe der Landes- und Bündnisverteidigung beim I. Deutsch-Niederländischen Korps in ausgesprochen kompetenten Händen liegt. Bei den Zuhörern kam darüber hinaus sehr positiv an, dass GenMaj Thomas sehr kurzweilig und humorvoll vorgetragen und in der breit gefächerten Aussprache alle Beiträge offen und kenntnisreich kommentiert hat. Ein besonderer Dank gebührt ihm dafür, dass er im RK WEST quasi letztmalig in seiner Funktion für das I. Deutsch-Niederländische Korps aufgetreten ist; denn bereits am Folgetag hat er seine neue Aufgabe als Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres übernommen.

Generalleutnant a.D. Jürgen Ruwe

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