Die deutsche Energiewende – ein Erfolgsmodell? – RK WEST am 14. 10. 2019

Die Diskussionen um die Klimaerwärmung und die Maßnahmen der Bundesregierung zur Reduzierung von CO2-Emissionen erregen aktuell heftig die Gemüter. Es erscheint daher lohnenswert, den Blick auf die Frage zu richten, was mit der deutschen Energiewende bisher erreicht wurde und welche Auswirkungen die geplante Abschaltung der letzten Kernkraftwerke sowie der Ausstieg aus der Kohleverstromung haben werden. Bei allen Maßnahmen im Energiesektor sollte eine sichere und bezahlbare Stromversorgung, die sowohl für den Industriestandort Deutschland als auch für jeden einzelnen Bürger von kaum zu überschätzender Bedeutung ist, eigentlich im Vordergrund der Betrachtung stehen. Dennoch scheint dieser Aspekt in der derzeitigen Diskussion eine eher nachrangige Rolle zu spielen. Daher hat sich der RK WEST nach 2009 und 2012 nunmehr erneut mit dieser Thematik befasst und dafür mit Dr. Peter Preußer einen hochkompetenten Energiewissenschaftler und Praktiker der Energiewirtschaft als Referenten gewinnen können.

Dr. Preußer zeigte einleitend die Meilensteine der Energiewende auf – beginnend mit dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) im Jahr 2000, dem Beschluss des Europäischen Parlament zum Emissionshandel (EU-ETS) im Jahr 2003 und dem Clean Development Mechanism (CDM) nach dem Protokoll von Kyoto im Jahr 2007. Der Emissionshandel als marktwirtschaftliche Lösung sei – anders als die feste Einspeisungsvergütung des EEG – ein geeignetes Instrument, CO2-Emissionen dort einzusparen, wo dies mit dem geringsten wirtschaftlichen Aufwand möglich ist. Die Finanzierung über das EEG stelle im Übrigen eine Umverteilung von unten nach oben dar; denn letztlich finanzierten die Einkommensschwachen die Photovoltaik-Anlagen der Einfamilienhäuser.

Um die Klimaziele für Deutschland zu erreichen, sei neben der Förderung der erneuerbaren Energien in den Jahren 2000 bis 2008 ein umfangreiches Kraftwerksmodernisierungsprogramm aufgelegt worden, um den Anteil an Gaskraftwerken zu erhöhen und bei Braunkohle- und Steinkohlekraftwerken einen um 20% höheren Wirkungsgrad zu erzielen.

Auf der Grundlage eines durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erstellten Leitszenarios sei dann 2008 durch die Bundesregierung entschieden worden, auf längere Sicht weitgehend auf fossile Energien zu verzichten. Aus Sicht des Energiewissenschaftlers sei an der Studie des DLR zu bemängeln, dass die dort vorgenommene Potenzialabschätzung eine reine Mengenbetrachtung sei, in der das für die Stromversorgung so wichtige zeitliche Zusammenwirken von Erzeugung und Verbrauch ebenso wenig betrachtet worden sei wie die Notwendigkeit ausreichender Speicherkapazitäten. Als Konsequenz der neuesten politischen Weichenstellungen, dem beschleunigten Ausstieg aus der Kohleverstromung,  würden kürzlich noch mit politischem Rückenwind beschlossene Modernisierungsprojekte, wie z.B. das für 1,5 Mrd. € erstellte EON-Kraftwerk Datteln, in Frage gestellt, so dass sie möglicherweise nicht in Betrieb gehen könnten.

Nach Fukushima habe die Bundesregierung dann den vorzeitigen Ausstieg aus der Kernkraft für die Stromerzeugung beschlossen. 8 Kernkraftwerke (KKW) mit einer Gesamtkapazität von 8 800 MW seien stillgelegt und die Restlaufzeiten für die übrigen 9 KKW mit einer Gesamtleistung von 12 700 MW so begrenzt worden, das das letzte Ende 2022 vom Netz gehe. Diese Entscheidung habe entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland seine selbstgesetzten Ziele für die CO2-Einsparung nicht erreichen werde.

Als Ergebnis der bisherigen Energiewende sei es mithilfe von Subventionen in Höhe von ca. 25 Mrd. €/Jahr gelungen, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von 3% auf 33% zu steigern. Die EEG-Umlage betrage 6,88 ct/kWh (Stand 2018) und mache mehr als 20% des Strompreises aus. Sie belaste einen Durchschnittshaushalt mit ca 250 €/Jahr. Die Kosten für den Netzaus- und umbau in Höhe von 50 bis 100 Mrd. € seien dabei nicht einbezogen. Da Strom aus erneuerbaren Energien in sich nicht marktfähig sei, sondern der Ergänzung durch Backup-Kraftwerke und/oder Speicher bedürfe, kämen die dafür aufgewendeten zusätzlichen Systemkosten zu dieser Rechnung noch hinzu.

Die naturgegebenen Grenzen der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien zeigte Dr. Preußer sehr anschaulich mithilfe einiger Diagramme des Fraunhofer Instituts auf (im Internet einzusehen unter „https://energy-charts.de“). Die Wochendiagramme stellen jeweils die Stromproduktion und die Börsenstrompreise in Deutschland dar. Sie lassen erkennen, dass bei starkem Wind und gleichzeitig geringem industriellem Verbrauch (z.B. an Feiertagen) ein Überangebot an Strom aus Windenergie anfällt, das in Deutschland nicht verwertet werden kann und gegen Gebühr (!) ins Ausland transferiert werden muss. Dagegen muss bei hoher Netzlast sowie gleichzeitig wenig Wind und Sonne fast der gesamte Strombedarf durch herkömmliche Kraftwerke abgedeckt werden – oftmals durch Kern- und Kohlekraftwerke im benachbarten Ausland. Zusätzliche Kapazitäten aus Windkraft und Photovoltaik nutzen in solchen durchaus nicht seltenen Phasen wenig, weil mehrfach Null immer noch Null bleibe. Erkennbar wurde aus diesen Diagrammen auch, welch vergleichsweise geringen Beiträge die hoch geförderte Photovoltaik zur Stromerzeugung liefert. Als Folge der Energiewende hat Deutschland gemeinsam mit Dänemark die weitaus höchsten Stromkosten in Europa.

Während in der Vergangenheit die Stromnetze dezentral auf die Kraftwerke ausgerichtet waren, erfordert die zunehmende Dislozierung von Erzeugung (offshore) und Verbrauch darüber hinaus Stromtrassen mit erheblichen Kapazitäten von Nord nach Süd. Diese Trassen verursachen nicht nur Kosten in Höhe von 50 bis 100 Mrd. €, die über die Nutzungsentgelte auf die Verbraucher umgelegt werden, sondern stoßen auch auf erhebliche Widerstände bei betroffenen Anwohnern und bei Naturschützern.

Insgesamt merkte Dr. Preußer kritisch an, dass sich die Energiewende seit ihrem Beginn stark auf den Stromsektor fokussiert und die anderen Hauptenergieverbraucher eher vernachlässigt habe. Aber auch für den Stromsektor gebe es kein gesamtheitliches Konzept. Für eine weitergehende Abstützung auf erneuerbare Energien seien Speicher erforderlich, die in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielten. Solange jedoch für die Langzeitspeicherung von Strom keine technisch machbare und wirtschaftlich tragfähige Lösung gefunden werde, was z.Z. nicht absehbar sei, würden konventionelle Kraftwerke für die Versorgungssicherung in einem weit höheren Maß erforderlich sein, als es Politik und Medien die Öffentlichkeit glauben machen wollten.

In der Bewertung der öffentlichen Diskussion zu diesem Thema nahm Dr. Preußer kein Blatt vor den Mund: Die Propaganda von Politik und Medien und teils auch von Energieunternehmen überschreite mit ihren Vereinfachungen häufig die Grenze zur Volksverdummung.

An den höchst informativen Vortrag schloss sich eine eingehende Aussprache an, in der ein breites Spektrum unterschiedlicher Aspekte der Energiewende abgedeckt wurde. Fragen und Anmerkungen des Auditoriums reichten von der Nutzung von Wasserstoff als Speichertechnologie (technisch machbar aber wenig effizient), der Kritik am Ausstieg aus der Kernkraft (Möglichkeit zur erheblichen Einsparung von CO2-Emissionen), der Entwicklung von Fusionsreaktoren, der Problematik hoher Stromkosten für die deutsche Industrie, dem zunehmenden Risiko von Black-outs bis hin zu der Frage, wie die im Vortrag dargestellten Fakten an die Politik, die Medien und eine breite Öffentlichkeit herangebracht werden könnten.

Insgesamt stellte sich als Fazit dar, dass die Energiewende als deutscher Sonderweg trotz des unglaublich hohen finanziellen Aufwandes schwerlich als Erfolg zu bewerten ist. Die Teilnehmer der Veranstaltung zeigten sich beindruckt vom Erkenntnisgewinn aus dieser Veranstaltung, verließen sie aber überwiegend mit erheblichen Zweifeln an der Sinnhaftigkeit der bisherigen deutschen Energiepolitik.

Generalleutnant a.D. Jürgen Ruwe

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