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Nov 27 2014

Buchbesprechung: Wolf Graf von Baudissin: GRUNDWERT FRIEDEN

Dieses 630 Seiten umfassende Werk enthält die wichtigsten Schriften, Briefe und Redetexte des Offiziers und Friedensforschers Wolf Graf von Baudissin aus dem Zeitraum 1951 bis 1990. Das Buch fasst das Material aus zwei früheren Sammelbänden (1969 + 1982) zusammen und erweitert die Sammlung um fünf weitere auf jetzt 60 Dokumente. Ein Lebenslauf auf Basis neuester For-schungsergebnisse, eine umfangreiche Bibliographie (681 Titel) sowie ein äußerst ausführliches Sachregister runden diese Darstellung ab und machen es zu einem wertvollen Nachschlagewerk.

Der Leiter des Baudissin-Dokumentationszentrums an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, Oberstleutnant a.D. Prof. Dr. Freiherr von Rosen, führt in einer sehr lesenswerten Einleitung in die Gedankenwelt Baudissins ein, weist dabei einerseits auf die Vielfalt, Komplexität und Heterogenität von dessen Darlegungen hin, und gibt andererseits dem Leser doch Orientierung, indem er Baudissins Verständnis von und Wirken für Frieden als auf drei grundsätzlichen konzeptio-nellen Leitlinien ruhend beschreibt. Mit Hilfe dieser sorgfältigen Analyse, die auf profunder Kenntnis der Person und des Werkes Baudissins fußt, gelingt Rosen in überzeugender Manier der Nach-weis dafür, dass Baudissin mit mehr als nur mit „Innere Führung“ in Verbindung zu bringen ist.

In einem ersten Abschnitt legt Rosen die Überlegungen Baudissins zu einer Friedens- und Sicherheitspolitik in der Nachkriegs-Ära dar. Ausgehend von dessen Denkschrift „Ost oder West“ aus dem Jahre 1947 zeigt er auf, wie Baudissin schon sehr früh – unter häufiger Bezugnahme auf den Schweizer Theologen Emil Brunner – die Grundgedanken einer „Völkerordnung“ entwirft, die auf kriegerische Mittel zur Durchsetzung von Machtegoismen verzichtet (weil „…jeder weitere modern-totale Weltkrieg – andere gibt es nicht mehr – bestimmt die abendländische Zivilisation, wenn nicht die Menschheit überhaupt vor die Existenzfrage stellt, … .“). Diese Grundüberzeugung prägt sein gesamtes Wirken, äußert sich z.B. in der Begrifflichkeit von der „Aufhebung der Vergeltungskette“, schlägt sich in einem Institutionen-orientierten Verständnis von Friedenssicherung nieder, und lässt ihn in den 60er Jahren den Terminus „Kooperative Rüstungssteuerung“ einführen.
Ergänzt wird diese grundsätzlich auf Deeskalation setzende Sichtweise durch einen an-thropologischen Ansatz. Für Baudissin ist die Voraussetzung für „Frieden auf Erden“ der Frieden eines jeden Individuums mit sich selbst. Demzufolge betont er die Notwendigkeit einer Erziehung zu Frieden und Toleranz.
Als bemerkenswert muss man es wohl bezeichnen, wenn Baudissin bereits 1947 in geradezu prophetischer Weise einem notwendigen „europäischen Zusammenschluss“ in Form einer „Föderation“ das Wort redet und dem hinzusetzt: „Und es ist vielleicht unser deutsches Schicksal, unsere äußere Einheit und Großmachtstellung auf dem Altar dieser europäischen Einigung zu opfern.“

In einem zweiten Abschnitt geht Rosen auf das politisch-militärische Strategieverständnis von Bau-dissin ein. Zunächst räumt er mit dem Vorurteil auf, dieser habe sich erst sehr spät diesem Feld zu-ewandt, indem er an Hand von Dokumenten der 50er und 60er Jahre nachweist, dass Baudissin sich vielmehr schon früh mit strategischen Fragen auseinandergesetzt hat. Ausgangspunkt von des-sen diesbezüglichen Überlegungen ist das Szenarium des Atomkrieges sowie – etwas überraschend – das Bild von einem „permanenten Bürgerkrieg“, wobei er letzteren versteht als „Allgemeine Friedlosigkeit …, die auf allen Lebensgebieten ausgetragen wird.“. Baudissin postuliert, dass es kein politisches Ziel gebe, welches mit kriegerischen Mitteln angestrebt werden darf und folgert daraus, ganz im Sinne Clausewitz‘, dass Frieden das Ziel und Abschreckung nur das Mittel hierfür ist.
In seiner Zeit als DCOS Ops im HQ AFCENT und später bei SHAPE obliegt ihm die intensive Befassung mit der Strategie der Abschreckung. Er steht dem Konzept der „Massive Retaliation“ sehr skeptisch gegenüber und verurteilt insbesondere den Gedanken eines „Roll-Back“. Im Folgekonzept „Flexible Response“ – an deren Entwicklung er mitwirkt – sieht Baudissin dagegen „die erste in sich logische Abschreckungsstrategie des Nuklearzeitalters.“ und er hält sich besonders zugute, „…, die Übernahme des ‚massive retaliation‘-Satzes: ‚if deterrence fails‘ in das SHAPE-Konzept der ‚flexible response‘ verhindert zu haben.“
Aus Rosens Darlegungen wird deutlich, wie konsequent Baudissins Strategiekalkül auf Kriegsverhinderung ausgerichtet ist und wie sehr er in der Abschreckung vor allem eine Vorsorge gegen poli-tische Fehlkalkulation sieht. Dabei entgeht Baudissin jedoch nicht, dass das Funktionieren dieser Balance ganz wesentlich auf höchste Rationalität der Verantwortlichen angewiesen ist.

In einem dritten Abschnitt schließlich widmet Rosen sich dem allgemein bekannten „Markenzeichen“ von Baudissin, dem Leitbild vom Staatsbürger in Uniform im Rahmen der Konzeption Innere Führung für die neue Bundeswehr. Er weist eingangs darauf hin, dass Baudissin wesentliche Elemente dieser Konzeption bereits in die Himmeroder Denkschrift von 1950 eingebracht hat und zeigt die drei Grundpfeiler dieser fundamentalen Neubesinnung, geboren aus der „Gnade des Nullpunktes“, auf: Ethik – Erziehung – Tradition. Um das geistig-sittliche Feld von Baudissins Denkmodell abzustecken, listet Rosen sodann eine umfangreiche Aufzählung von „Begriffsclustern“ auf, die teilweise zwar durchaus gängigen militärischen Vorstellungen entsprechen, andererseits jedoch deutlich mit traditionellen Mustern brechen. Dies gilt insbesondere für die Betonung des Primats des Individuums.

Baudissin verwendet den Begriff „Staatsbürger“ bewusst im Sinne von „citoyen“ und spricht offiziell vom „Staatsbürger in und ohne Uniform“ sowie von demselben „Menschen in zwei Aggregatzuständen“. Ziel dieses Bildes ist es, Zivilist und Soldat als Partner zu verstehen, welche derselben Bedrohung unterliegen und die das gleiche Interesse, nämlich Friede, eint. Es ist dieses Motiv von der Integration des Soldaten in die Gesellschaft, welches seinen konstituierenden Wert für die Streitkräfte der Bundeswehr bis heute behalten hat.
Neben dieser staatsbürgerlichen Komponente sieht Baudissin die unbedingte Notwendigkeit, das Prinzip von Befehl und Gehorsam in einem System sittlicher Bindung verankert zu wissen. Den daraus erwachsenden Anforderungen kann nur derjenige gerecht werden, der am politischen, geistigen, kulturellen und sozialen Leben des Volkes teilnimmt, um so die sittlichen Normen der Gesellschaft aufzunehmen und zu verinnerlichen, Dies gilt gleichermaßen für den Befehlenden wie für den Gehorchenden, denn beide unterliegen der Pflicht zu staatsbürgerlicher Mitverantwortung. Aus diesem Anspruch leitet Baudissin die Forderung nach steter Information und Staatsbürgerlicher Unterrich-tung ab.

Rosens kenntnisreiche Einführung erleichtert den Zugang zu dieser umfangreichen Dokumentation, in welcher der interessierte Leser die ganze Bandbreite der Baudissinschen Denkansätze und Überzeugungen vorfindet. Das Werk ist bestens geeignet, heutigen Führungskräften nicht nur eine geschichtliche Entwicklung zu vermitteln, sondern Bedenkenswertes auch für die Jetztzeit zu entdecken.

O a.D. Dr. D.-Holger Müller

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