„Stand der Umsetzung des Fähigkeitsprofils des Heeres“ – RK West am 14.09.2020

Nach siebenmonatiger Corona-Pause hat der RK WEST seine regelmäßigen Vortragsveranstaltungen wieder aufgenommen. Generalmajor Dipl.-Kfm. Bernhard Liechtenauer, Amtschef des Amtes für Heeresentwicklung, trug zum Stand der Umsetzung des 2018 entwickelten Fähigkeitsprofils des Heeres vor. Freundlicherweise konnte die Veranstaltung in den Räumlichkeiten des Amtes stattfinden, die eine deutlich höhere Teilnehmerzahl auch unter Corona-Bedingungen erlauben als der übliche Veranstaltungsort des RK WEST auf der Hardthöhe. Dadurch wurde es möglich, die Köln-Bonner-Sektion der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik an dieser Veranstaltung zu beteiligen. Zusätzlich wurde erstmalig die Veranstaltung online an einige Mitglieder übertragen, die nicht an der Präsenzveranstaltung teilnehmen konnten.

General Liechtenauer erläuterte einführend die Zuständigkeit seines Amtes für die Weiterentwicklung des Heeres, die – anders als früher beim Heeresamt – nunmehr aus einer Hand erfolgt und die Weiterentwicklung der Truppengattungen einschließt. Die ganzheitliche Weiterentwicklung des Systems Heer in den Bereichen Konzeption/Führung, Ausbildung, Organisation und Materialplanung werde dadurch deutlich erleichtert.

Ausgehend vom sicherheitspolitischen Rahmen zeigte General Liechtenauer auf, wie sich die Konflikte in den letzten Jahren verändert haben und erwähnte beispielhaft neue Technologien bei Gefechtsfahrzeugen, die hohe Bedrohung durch indirektes Feuer, neuartige Bedrohungen aus der Luft, insbesondere auch durch Drohnen, sowie die Bedrohung durch Cyber-/Electronic Warfare.

Mit einer eindrucksvollen Folie bildete er sodann den Schrumpfungsprozess in den Heeresstrukturen ausgehend von der Heeresstruktur 4 (bis 1992) über die jeweiligen Zwischenschritte bis zur gegenwärtigen Struktur, dem Heer 2011, ab. Wie gravierend der mit diesem Prozess unvermeidlich verbundene Verlust an Fähigkeiten war, wurde spätestens mit der sicherheitspolitischen Umorientierung im Jahr 2014 deutlich. An ausgewählten Beispielen zeigte General Liechtenauer die Defizite des Heeres 2011 im strukturellen, materiellen und personellen Bereich im Hinblick auf die Bündnisverteidigung auf, die bei der Weiterentwicklung des Heeres zu berücksichtigen waren.

Die Einnahme der Einsatzstruktur Heer, die den neuen Herausforderungen gerecht werden soll, ist – wie bereits in früheren Vorträgen dargestellt – in drei Schritten geplant. Ab 2023 soll die PzGrenBrig 37 die NATO-Forderung an eine VJTF-Brigade aufbauorganisatorisch sicherstellen; ab 2027 soll eine Division im Rahmen der Bündnisverteidigung einsatzfähig sein und ab 2031 drei Divisionen.
General Liechtenauer stellte sodann im Einzelnen dar, welche Fähigkeiten dazu in den Bereichen Führungsunterstützung, Aufklärung, Wirkung gegen mechanisierte Kräfte, Kampfunterstützung und Logistik aufgebaut bzw. weiterentwickelt werden müssen und mit welchen Mitteln dies jeweils geschehen soll. Dabei wurde deutlich, in welch hohem Maß die Planungen des Amtes von Innovation geprägt sind.

Unter operativen Aspekten zeigte er die Rolle schwerer und leichter Kräfte im Rahmen der Bündnisverteidigung auf und wies darauf hin, dass sie zeitnah durch mittlere Kräfte ergänzt werden müssten, um zusätzliche Handlungsoptionen im Rahmen eines durchgängigen Eskalationspotentials für die Landstreitkräfte zu eröffnen.

Insgesamt wurde in dem hochinteressanten und ins Detail gehenden Vortrag deutlich, dass sich das Amt für Heeresentwicklung dem Motto des früheren Heeresamtes „Die Zukunft im Visier“ nach wie vor verpflichtet fühlt und diesem Anspruch voll gerecht wird.
Die sich anschließende lebhafte Aussprache, an der sich neben vielen kompetenten Fragestellern im Saal auch ein früherer Abteilungsleiter Planung im BMVg online beteiligte, deckte ein breites Spektrum ab. Neben Beiträgen zur Zusammenarbeit im Bereich der Planung in der Bundeswehr, dem Zusammenwirken der Teilstreitkräfte und zu konkreten Rüstungsprojekten stand immer wieder die Frage im Raum, wie realistisch es sei, dass angesichts der ungeheuren finanziellen Belastung des Bundes im Rahmen der Coronakrise die vorgestellten Planungsschritte zeitgerecht mit den dafür unabdingbaren Haushaltsmitteln unterlegt werden.

Stets mit dem Blick auf das Ganze, aber unterfüttert mit einer Fülle an Details hat Generalmajor Liechtenauer dem Auditorium sowohl mit seinem Vortrag als auch in der Aussprache einen hochinformativen und faszinierenden Blick auf die Planungen des Heeres für das nächste Jahrzehnt vermittelt.

Auch dank der vorzüglichen organisatorischen Unterstützung durch das Amt für Heeresentwicklung war diese erste hybride Veranstaltung des RK WEST nach Auffassung der meisten Teilnehmer – so das Feedback – ein gelungener Versuch, die Vortragstätigkeit der Clausewitz-Gesellschaft auch unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Beschränkungen wieder in Gang zu bringen. Der RK WEST wird sich bemühen, dies in den nächsten Veranstaltungen fortzusetzen.

Jürgen Ruwe, Generalleutnant a.D.

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