Oberstleutnant Dr. Heiner Möllers: „Die Affäre Kießling: – Der größte Skandal der Bundeswehr“

Buchbesprechung von Generalmajor a.D. Christian E.O. Millotat

Ursprung und Verlauf der „ Affäre Kießling“ von 1983/84 hat der Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in Potsdam, Dr. Heiner Möllers, akribisch und mit Quellen dicht belegt in seinem 2019 erschienenen Buch „Die Affäre Kießling- Der größte Skandal der Bundeswehr“ dargestellt. Dazu gehören in chronologischer Abfolge: Ihre Auslösung auf NATO-Seite durch einen Brief des Befehlshabers Nord Europa, General Sir Anthony Farrar- Hockley, an den Supreme Allied Commander Europe (SACEUR), General Rogers , Kießlings zukünftigen unmittelbaren Vorgesetzten, mit dem Verdacht, der General sei praktizierender Homosexueller und damit nach damaliger Beurteilung ein Sicherheitsrisiko. Der Brief löste die Ablehnung von Kießling durch Rogers während dessen Verwendung als dessen Stellvertreter als Deputy SACEUR (DSACEUR) aus. Die Versuche seines späteren „Principle Staff Officer“, Kapitän z.S. Jancke, durch Unterrichtung der Personalabteilung in Bonn über diesen Verdacht, den Dienstantritt des Generals als DSACEUR zu verhindern. Die in Kreisen der Bundeswehr zunehmend kursierenden Gerüchte über Kießlings angebliche homosexuelle Veranlagung mit dem über ihn verbreiteten Spruch, lieber ein kalter Riesling als ein warmer Kießling“. Das ungeschickte Verhalten des Bundesministers der Verteidigung Wörner in der Affäre mit dessen Rücktrittsgesuch, das Bundeskanzler Kohl ablehnte. Kohls und Bundespräsident Carstens Rolle und das unverständliche Taktieren des Generalinspekteurs, General Altenburg, und des Leiters der Personalabteilung, Generalleutnant Kubis, in der Affäre. Das Kießlings Persönlichkeit und Verdienste missachtende, formaljuristische Wirken von Staatssekretär Dr. Hiehle und die unwürdige Verabschiedung des Generals ohne Großen Zapfenstreich durch diesen Beamten und nicht durch den Minister. Die Rolle des stellvertretenden Leiters des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und Mitarbeiters der Staatssicherheitsorganisation der DDR (STASI), Oberst Krase, und das zögerliche Verhalten vieler Kameraden des Generals aus dessen  4. Generalstabslehrgang des Heeres, vor allem seines damaligen Inspekteurs, Generalleutnant Glanz, die sich nicht spontan vor Kießling stellten. Das dilettantische Wirken von Wörners Pressesprecher Oberst Reichardt und des stellvertretenden Vorsitzenden des Hauptpersonalrats im Bundesministerium der Verteidigung Karrasch, die beide Öl in die Flamme der Affäre gegossen haben. Möllers beschreibt auch die sehr zögerliche Vermittlerrolle von General a.D. de Maizière in der Affäre und die Rolle von Journalisten wie Karl Feldmeier, Alexander Szandar und Adelbert Weinstein, und er beschreibt  die von der Kölner Kriminalpolizei im Rahmen einer fragwürdigen Amtshilfe ermittelten Vorwürfe gegen Kießling wie dessen angeblichem Verkehr im Kölner Homosexuellenmilieu.  Er geht auch ein auf die Beschuldigungen Kießlings durch den wegen eines Sexualdelikts vorbestraften Schweizer Homosexuellen Alexander Ziegler, den Minister Wörner in einem prominenten Zeugenkreis empfing und anhörte.

Auch die Behandlung der Affäre im Parlament, im Verteidigungsausschuss und im Kabinett und schließlich die Rehabilitierung des Generals durch Wiedereinstellung in die Bundeswehr und seine Verabschiedung mit dem Großen Zapfenstreich in den Ruhestand ist Gegenstand des Buches.

All das hat Möllers akribisch und wertend dargestellt, „zwischen den Zeilen“ sowie direkt. Dabei sind ihm auch Fehler unterlaufen, z.B. bei der unzutreffenden Kennzeichnung des Dienstpostens des DSACEUR als Frühstücksdirektor und die Behauptung, Kießling habe seine Zeit bei SHAPE vornehmlich mit Dienstreisen verbracht, um den persönlichen Kontakt mit General Rogers zu vermeiden.

Die Informationen, die Möllers zusammengetragen und in seinem Buch dargestellt und interpretiert hat, sind nicht neu. Man kann sie z.B. im Internet finden. Sie wirken aber in der verdichteten Zusammenstellung des Autors als beklemmendes Lehrstück über Unkameradschaftlichkeit und menschliches Versagen der damaligen  politischen und militärischen Führung gegenüber einem verdienten General der Bundeswehr. Mit geballter Wucht wirken sie auf den Leser. In diesem den Leser aufwühlenden Effekt liegt der hauptsächliche Wert von Möllers Buch. Es hat aber auch Schwächen. Sie liegen in der Schilderung des Autors von Charakterzügen des Generals und Auslassungen von Feldern seines Wirkens in der Bundeswehr und im Ruhestand.

Möllers zeichnet ein Bild von General Dr. Kießling als  Grenzgänger, als Solitär unter den Generalen und Admiralen der Bundeswehr ohne  Vernetzung mit ihnen. Er sei unbeliebt und belehrend sowie  eigenbrötlerisch mit wunderlichen Junggesellenmanieren gewesen,  ohne Kontakte zu Frauen seit einer gescheiterten Liebesbeziehung zur zwanzigjährigen, damals noch nicht volljährigen Tochter eines seiner Lehrer im 4. Generalstabslehrgang des Heeres, die zu seiner Ablösung in Hamburg  geführt habe, ein  Hagestolz, der sich danach zu hundert Prozent dem Dienst verschrieben und dort seine Leidenschaften und Talente ausgelebt habe.

Diese Beschreibung des Generals engt Tiefe und Breite seiner Persönlichkeit und sein idealistisches Wirken für Deutschland, die deutschen Soldaten, als Truppenführer, als General für die Erziehung in der Bundeswehr, als Autor und Vortragender ungerechtfertigt ein.

General Dr. Kießling war ein leidenschaftlicher Patriot und bekennender Christ, der sein Vaterland liebte und das Ziel seiner Wiedervereinigung nie aufgab. Er warb dafür leidenschaftlich in Wort und Schrift als Offizier und Staatsbürger. Sein Selbstverständnis als Soldat gründete in tradierwürdigen Entwicklungen der preußisch- deutschen Militärgeschichte und ihrem unveränderten Wert in modernem Gewand in der Bundeswehr. In Fragen der Traditionspflege der Bundeswehr war er, das hat er oft betont, im Einklang mit der  Aussage des früheren Bundespräsidenten Horst Köhler bei der Kommandeurtagung der Bundeswehr vom 10. Oktober 2005 zur Traditionspflege in der Bundeswehr. „Die Bundeswehr“, führte Köhler dort aus, „ hat unserem Land 50 Jahre treu gedient. Sie hat damit eine eigene, gute Tradition begründet, und sie pflegt die Tradition ihrer Vorgängerarmeen, getreu dem Apostelwort: „ Prüfet alles!“ Das Gute behaltet“.

Kießling hat die einmaligen Besonderheiten der Stellung des deutschen Unteroffiziers, entwickelt in früheren deutschen Armeen, seine herausgehobene Funktion als Ausbilder, Offizierdiensttuer und Gehilfe der Offiziere, immer wieder betont  und verfocht leidenschaftlich ihre Weiterentwicklung. Für die Traditionswürdigkeit von herausragenden Soldaten der Wehrmacht, wie sie der neue Traditionserlass der Bundeswehr vom März 2018 wieder ermöglicht, kämpfte er gegen Widerstände im zurückliegenden ideologisch-pädagogischen und utopischen Zeitalter, die im überholten Traditionserlass von 1982 mit seinen nur drei tradierwürdigen Inseln, preußische Militärreformen, 20. Juli 1944 und Tradition der Bundeswehr, ihren Niederschlag gefunden hatten. Er setzte sich auch leidenschaftlich für die lange vernachlässigte gerechte Würdigung der Beamten des Bundesgrenzschutzes ein, die in die Bundeswehr übernommen wurden, zu denen er gehörte, und dort unverzichtbare Aufbauarbeit geleistet haben, aber dem Kreis um den Grafen Baudissin nicht willkommen waren. Kießling regte auch an, die Zahl der an der Führungsakademie der Bundesswehr ausgebildeten Generalstabs- und Admiralstabsoffiziere zu erhöhen, um die Qualität der Führung zu verbessern. Für die Führung der Bundeswehr entwickelte er zukunftsweisende Gedanken.

Als Truppenführer und Autor sowie Vortragender hat er diese Gedanken immer wieder vorgebracht, viel leidenschaftlicher und drängender als viele seiner Generalskameraden. Er war dabei immer für Anregungen und Kritik seiner Gedanken zugänglich.

Die Auffassung des Autors, Kießling habe aufgrund seiner familiären Herkunft- sein Vater war Unteroffizier im Ersten Weltkrieg- bei seinen Generalskameraden Anerkennungssprobleme gehabt, ist falsch. General Altenburgs Vater war Schneider. Viele andere Generale der Bundeswehr stammten und stammen nicht aus Adelsfamilien und dem gebildeten Bürgertum. Dr. Kießling hätte gewiss auch ohne nachgeholtes Abitur, Studium und Promotion in der Bundeswehr seinen Weg gemacht. Es spricht für seine intellektuellen Fähigkeiten und sein Leistungsvermögen, dass er seine akademischen Abschlüsse während seiner Dienstzeit als junger Offizier erworben hat.

Fazit: Oberstleutnant Dr. Möllers Arbeit zeichnet „unter dem Strich“ General Dr. Kießling unzutreffend als Sonderling, verzerrt und karikiert stellenweise seine Persönlichkeit sowie übergeht sein erfolgreiches Wirken für die Bundeswehr als aktiver Soldat und im Ruhestand. Durch sein schriftstellerisches Werk und seine großzügige finanzielle Stiftung für die Auszeichnung von Soldaten sowie Truppenteilen, die sich im In-und Auslandseinsatz besonders hervorgetan haben, wirkt General Dr. Kießling in Bundeswehr und Gesellschaft weiter.

Christian E.O. Millotat
Generalmajor a.D.

Das Buch ist erschienen im März 2019 im CH. Links Verlag
Ausstattung: Hardcover
Format: 13,5 x 21,0 cm
Seitenzahl: 368

ISBN: 978-3-96289-037-7

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