„Von Wales über Warschau und darüber hinaus… die sicherheitspolitische Lage im osteuropäischen Raum“ – RK WEST am 14. 01. 2019

Seit der Annexion der Krim vor knapp 5 Jahren und der Intervention Russlands in der Ost-Ukraine hatte sich der RK WEST mehrfach mit der veränderten Sicherheitslage in Osteuropa und den politischen wie militärischen Reaktionen der NATO darauf befasst. Im ersten Vortrag des neuen Jahres trug Generalleutnant a.D. Manfred Hofmann vor, welche Rolle dem Multinationalen Korps Nordost (MNC NE) in Stettin für die Bündnisverteidigung in Osteuropa übertragen worden ist. Er hatte dieses Korps als Kommandierender General drei Jahre lang bis zum September des vergangenen Jahres geführt.

Das russische Vorgehen gegenüber der Ukraine hatte alte Ängste besonders in den baltischen Staaten geschürt. Wegen deren Mitgliedschaft in der NATO könnten die russischen Aktivitäten in der Ukraine zwar nicht als Blaupause für das Baltikum betrachtet werden – so General Hofmann – , aber Versuche der Destabilisierung seien auch mit Blick auf die teilweise recht hohen russischen Bevölkerungsanteile in diesen Ländern nicht auszuschließen. Die NATO beschloss daher auf ihrem Gipfel in Wales 2014 nicht nur, im Rahmen des sog. „Readiness Action Plan“ schnelle Eingreifkräfte aufzustellen, die im Bedarfsfall zur Verstärkung der relativ schwachen eigenen militärischen Kräfte in diesen Ländern herangezogen werden können, sondern auch eine Aufwertung des MNC NE vom bisherigen Status „lower readiness“ in den eines High Readiness Force Land (LCC) Headquarters.

Auf dem NATO-Gipfel in Warschau 2016 entschied das Bündnis darüber hinaus, zur Verstärkung der einheimischen Kräfte dauerhaft im Rotationsverfahren je eine multinationale Battlegroup in die drei baltischen Staaten und nach Polen zu verlegen. Die Verantwortung dafür übernahmen die USA für Polen, Deutschland für Litauen, Kanada für Lettland und das Vereinigte Königreich für Estland. Das MNC NE erhielt den erweiterten Auftrag, alle Kräfte der sog. enhanced Forward Presence (eFP) zu führen und darüber hinaus Polen beim Aufbau eines zusätzlichen Divisionshauptquartiers zu unterstützen.
Dieser gewaltige Aufgabenzuwachs musste in unglaublich kurzer Zeit bewältigt werden. In drei Jahren wuchs das Korps von einem Personalumfang von ca. 200 auf 400 auf, nahm eine neue Struktur ein und integrierte weitere Nationen in den Stab. „Stettiner Marathon“ nannte General Hofmann diesen Prozess.

Seit Juli 2017 ist das MNK NE das einzige HQ in der NATO-Force Structure mit einem fest zugeordneten Operationsbereich und permanent unterstellten NATO-Truppenteilen.

Dazu gehören:
• Eine Command/Support Brigade mit Truppenteilen in Stargard/Polen und Prenzlau/Deutschland mit ca. 3.000 Soldaten,
• 5 sog. NATO Force Integration Units (NFIU), die die Verbindung zu den jeweiligen Nationen sicherstellen, in den drei baltischen Staaten, in Polen, der Slowakei und Ungarn,
• die Multinational Division North-East in Elblag/Polen sowie
• die 4 genannten eFP Battlegroups.

Der Korpsstab umfasst inzwischen Personal aus 25 Nationen, einschließlich der Nicht-NATO-Staaten Schweden und Finnland. Der personelle Besetzungsgrad ist exzellent.

General Hofmann vermittelte überzeugend den Eindruck, dass die Bündnisverteidigung in Osteuropa auf einem guten Stand und beim MNC NE in guten Händen ist. Das gut besetzte Auditorium war von der Aufbauleistung des Korps sehr beeindruckt.
In einer ausführlichen und sehr offenen Aussprache wurden im Anschluss an den Vortrag einige Aspekte der vorgestellten Planungen und der Zusammenarbeit mit den betroffenen Nationen vertieft. Insgesamt rundete dieser außerordentlich informative Vortrag aus der Sicht desjenigen, der diesen Prozess als Kommandierender General persönlich vorangetrieben hat und zu verantworten hatte, die bisherige Befassung mit der Bündnisverteidigung an der Ostflanke der NATO in idealer Weise ab.

Generalleutnant a.D. Jürgen Ruwe

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