„Gezeitenwechsel – nationale und internationale Herausforderungen an das Heer“ – RK WEST am 17. 06. 2019

Die Metapher „Gezeitenwechsel“ umschreibt anschaulich den tiefgreifenden sicherheitspolitischen Wandel vom Kalten Krieg über eine Phase der vertrauensvollen Kooperation und Annäherung zwischen Ost und West bis hin zu der aktuell wieder verschärften Lage in Europa durch die konfrontative Politik Russlands.

Generalleutnant a.D. Carsten Jacobson, bis vor wenigen Monaten Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres und Kommandeur Einsatz, hatte die Herausforderungen dieses Gezeitenwechsels an das Deutsche Heer in den Mittelpunkt seines Vortrags gestellt. Darüber hinaus beleuchtete er jedoch auch andere interessante Aspekte seiner 44-jährigen und sehr abwechslungsreichen Dienstzeit in der Bundeswehr.
Er leitete seine Ausführungen mit einer ebenso interessanten wie überzeugenden kritischen Betrachtung der Prognosefähigkeit im Bereich der Sicherheitspolitik ein, die sich unschwer auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen lässt. Da ein Streitkräfte-Planungszyklus etwa 15 Jahre beträgt, zeigte er in 15-Jahresschritten seit dem Ende des 2. Weltkriegs an markanten Beispielen auf, dass die tatsächliche sicherheitspolitische Entwicklung über einen solchen Zeitraum in keinem Fall ins Kalkül gezogen wurde.

Die deutsche Vereinigung und die damit verbundene grundlegende sicherheitspolitische Wende in Europa (Betrachtungszeitraum 1975 – 1990) ist dafür ebenso ein signifikantes Beispiel wie der Rückfall in konfrontatives Denken durch die russische Annexion der Krim und die Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine (Betrachtungszeitraum 1999 – 2014). Auch der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan seit 2001 wäre aus der Perspektive des Jahres 1986 undenkbar erschienen. Diese Erkenntnis der geringen Prognostizierbarkeit, so betonte General Jacobson, sei natürlich kein Argument gegen eine sorgfältige Analyse und Planung. Sie sei jedoch ein Plädoyer für ein breites Fähigkeitsspektrum von Streitkräften, um auch unerwarteten Entwicklungen angemessen begegnen zu können.

Die allzu einseitige Fokussierung auf Stabilisierungseinsätze und die zu erbringende „Friedensdividende“ habe dazu geführt, dass das Heer heute zwar teilweise noch über Mittel verfüge, um die es von anderen Nationen beneidet werde, aber eben auch zu den bekannten Defiziten in der Einsatzbereitschaft, nicht zuletzt durch den Mangel an Ersatzteilen und Munition.

Die falsche Ausrichtung im Rahmen der Transformation der Bundeswehr habe darüber hinaus einen Expertiseverlust in der Bündnisverteidigung über 25 Jahre bewirkt, der heute bis auf die Ebene der Brigadekommandeure durchschlage. Hinzu komme die fehlende Flugabwehrfähigkeit im Heer durch die Auflösung der Flugabwehrtruppe unter Übertragung der Aufgabe an die Luftwaffe sowie ein gravierender Mangel an Sperrfähigkeit bei der Pioniertruppe. Auch das Verfahren des sogenannten „dynamischen Verfügbarkeitsmanagements“ sei ein gravierender Fehler gewesen. Mit ihm war vorgesehen, das Material, weil es für die Vollausstattung aller Truppenteile nicht ausreichte, je nach Einsatz- und Ausbildungsbedarf durch das gesamte Heer hin- und herzuschieben. Es komme nun darauf an, die volle Befähigung zur Bündnisverteidigung wiederherzustellen. Die Planungen dafür seien gebilligt. Ihre Umsetzung sei jedoch langwierig und entscheidend davon abhängig, dass die erforderlichen Finanzmittel auch tatsächlich verfügbar seien.

Nach einem Blick auf die Lage in den Einsatzgebieten des Heeres – mit Schwerpunkt auf Afghanistan, Mali, den Irak und das Kosovo, illustrierte General Jacobson den Gezeitenwechsel mit Episoden aus den verschiedenen Stationen seiner Dienstzeit. Dabei bewegte er sich rückwärts von seiner letzten Aufgabe als Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres und Kommandeur Einsatz bis hin zu seinen Anfängen als Offizier der Panzertruppe. Zwei Einsatzverwendungen – als Stellvertretender Kommandeur ISAF bzw. RESOLUTION SUPPORT in den Jahren 2014/2015 und zuvor als NATO-Sprecher im Hauptquartier ISAF in den Jahren 2011/2012 – erlaubten noch einmal Insider-Einblicke in die Verhältnisse in Afghanistan. Die Zeit als Heeresattaché in Washington (2001 bis 2005) war – zumindest zu Beginn – durch die schwierige Vermittlung der deutschen Position im Irakkrieg gegenüber dem Gastland belastet.

In den Kommandeurverwendungen von der Bataillons- bis zur Divisionsebene wurden sowohl die gravierenden Strukturveränderungen im Heer als auch die Veränderungen im Ausbildungs- und Übungsgeschehen deutlich. Die Anfangsjahre als Offizier waren u.a. durch eine enge Verbindung zu in Deutschland stationierten Truppenteilen der British Army geprägt – nicht zuletzt durch seine britische Ehefrau, die damals als Leutnant in den britischen Streitkräften diente. Auch die Teilnahme an der Generalstabsausbildung in Camberley/UK in der Zeit des ersten Golfkriegs erlaubte einen tieferen Einblick in die Denkweise unseres britischen NATO-Partners.

Im Rückblick auf 44 Jahre in der Bundeswehr mit hochinteressanten Einsatz- und sonstigen Auslandsverwendungen ist es General Jacobson gelungen, den sicherheitspolitischen „Gezeitenwechsel“ sehr überzeugend, eingängig und zugleich sehr unterhaltsam zu verdeutlichen. In einer ausführlichen und sehr offenen Aussprache, in der etliche Diskutanten die vorgetragenen Episoden auch mit den eigenen Erinnerungen und Erfahrungen verknüpften, wurden wesentliche Aspekte der Ausführungen General Jacobsons nochmals vertieft. Dem Auditorium, das auch mit zahlreichen aktiven Angehörigen der Bundeswehr besetzt war, wurde ein lohnender und lehrreicher Blick auf mehr als vier Jahrzehnte Bundeswehrgeschichte geboten – mit vielen Erkenntnissen und Anregungen auch für die Zukunft.

Generalleutnant a.D. Jürgen Ruwe

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