„Der Volkssturm. Ein gescheiterter Versuch des NS-Regimes, die Niederlage des Deutschen Reiches abzuwenden.“ – RK WEST am 29. 10. 2018

Nach längerer Pause stand im RK WEST wieder einmal ein historisches Thema im Blickpunkt. Oberst a.D. Dr. Michael Vollert befasste sich in seinem Vortrag mit einem Kapitel aus der Endphase des 2. Weltkriegs, das zumindest jüngeren Teilnehmern wenig bekannt war: Der Aufstellung und dem Einsatz des Volkssturms.

Einführend gab der Referent einen Überblick über das aus sehr vielfältigen Formationen bestehende militärische Potenzial des Dritten Reiches. Dessen Kern bildeten zwar die drei Teilstreitkräfte der Wehrmacht; darüber hinaus gab es jedoch etliche weitere militärische Formationen des NS-Regimes, deren Aufstellung, Ausrüstung, Ausbildung und Führung im Einsatz oftmals durch ein erbittertes Gerangel um Zuständigkeiten und Einfluss – auch in Konkurrenz zur Wehrmacht – gekennzeichnet waren.

Dr. Vollert stellte sodann die militärische Lage des Reiches Mitte 1944 dar, aus der – vor allem nach der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte – die Aussichtslosigkeit des Krieges für jeden unvoreingenommenen Betrachter hätte ersichtlich sein müssen. Dennoch wurden mit einem Führererlass, der im Oktober 1944, am 131. Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig, publik gemacht wurde, alle waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren als sog. Volkssturm zum Waffendienst aufgerufen. Der Volkssturm sollte die Truppen der Wehrmacht von Aufgaben entlasten, war jedoch nicht Teil der Wehrmacht. Seine Ausrüstung und Ausbildung sollte vom Ersatzheer geleistet werden, das dem Reichsführer SS Heinrich Himmler unterstand. Die Aufstellung und Führung der einheitlich ca. 670 Mann umfassenden Bataillone oblag den Gauleitern, die sich dazu der lokalen Parteiorganisationen, einschließlich der Hitlerjugend, bedienten.

Insgesamt seien ca. 6 Millionen Männer volkssturmpflichtig gewesen, von denen allerdings viele wegen ihrer kriegswichtigen Tätigkeit nicht abkömmlich gewesen seien. Wie viele Männer tatsächlich im Volkssturm gedient hätten, sei nicht bekannt. Schätzungen zufolge sollen etwa 700 Bataillone, d.h. eine knappe halbe Million, tatsächlich zum Einsatz gekommen sein. Die Kampfkraft dieser Verbände – so Dr. Vollert – sei allerdings wegen mangelnder Ausbildung und Ausrüstung denkbar gering gewesen. Die Verluste dagegen seien mit angenommenen 175. 000 extrem hoch gewesen und hätten in keinem Verhältnis zur militärischen Wirkung gestanden. Mit emotional beeindruckenden Photos von sich dem Feind ergebenden jugendlichen Volkssturmkämpfern wurde der sinnlose und – zumindest nach heutigen Maßstäben – verbrecherische Ansatz, solche Kräfte auszuheben und einzusetzen, eindrucksvoll unterstrichen.

Der hochinteressante Vortrag ermöglichte einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des NS-Regimes in seiner Endphase. Es schloss sich eine ebenso interessante ausführliche Aussprache an, in der zum einen lebensältere Teilnehmer sehr authentisch aus ihren eigenen Erlebnissen als Jugendliche kurz vor Kriegsende berichteten und zum anderen anwesende Militärhistoriker das damalige Geschehen unter verschiedenen Aspekten beleuchteten. Daraus entwickelte sich ein nahezu philosophischer Diskurs über die Bewertung historischer Sachverhalte und der damals handelnden Personen unter ethischen Gesichtspunkten sowie der Lehren, die man aus der Geschichte ziehen kann und sollte – weit über das konkrete Thema hinaus. Nach Bekundungen etlicher Teilnehmer war dies eine außerordentlich anregende und gewinnbringende Vortragsveranstaltung.

Generalleutnant a.D. Jürgen Ruwe

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