„Das Verständnis der Chinesen von sich selbst und der Welt: Genese und Wandel“ – RK West am 03.02.2020

Seit einigen Jahrzehnten ist China ein globaler Player – wirtschaftlich, politisch und militärisch – mit stetig wachsendem Gewicht, das im Westen zunehmend auch als Bedrohung empfunden wird. Aufgrund der vielfachen internationalen Aktivitäten sind Chinesen überall auf der Welt und natürlich auch in unserem Land präsent – sei es als Beschäftigte in der Wirtschaft, als Studenten, als Sportler, als Künstler oder als Touristen. Auch wenn sich die Chinesen im äußeren Erscheinungsbild kaum von Menschen in Europa oder Amerika unterscheiden, haben sie natürlich einen anderen kulturellen Hintergrund und durch das kommunistische Herrschaftssystem eine andere Sozialisation. Zu erfahren, wie der Chinese, sofern es den in dieser Generalisierung in einem Vielvölkerstaat mit 1,4 Mrd. Einwohnern überhaupt geben kann, sich selbst und die Welt sieht, war Ziel dieses Vortrags.

Mit Dr. Andreas Wolfrum konnte der RK WEST einen Referenten gewinnen, der China nicht nur aus der Literatur und von gelegentlichen Besuchen des Landes kennt, sondern von 2014 bis 2018 als Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen an der Deutschen Botschaft in Peking gelebt hat. In dieser Funktion unterhielt er sehr intensive Kontakte zu chinesischen Schulen mit Deutschunterricht.

Da zu den betreuten Schulen auch eine in der Stadt Wuhan, dem Ausgangspunkt der gegenwärtigen Sars-CoV-2-Pandemie, gehört, konnte Dr. Wolfrum einen persönlichen Eindruck vom Leben in dieser Stadt vermitteln. Wegen des allgemeinen Interesses an dem aktuellen Geschehen dort stellte er zu Beginn seines Vortrags kurz die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sowie die Reaktionen in den sozialen Medien und die Erwartungshaltung der betroffenen Bevölkerung gegenüber der Regierung dar.

Auch wenn bereits bei diesen Schilderungen einige typische Eigenschaften der Chinesen deutlich wurden, betonte Dr. Wolfrum einschränkend, dass es ein einheitliches Selbstverständnis der Chinesen schon deshalb nicht gebe, weil sie sich als ein heterogenes Volk empfänden, das nichtsdestoweniger durch jahrtausendalte Geschichte und Kultur in seinen verbindenden Elementen geprägt sei. Die Einflussfaktoren beleuchtete Dr. Wolfrum sehr facettenreich und anschaulich anhand von acht Schlaglichtern, die hier nur stichwortartig und in großen Zügen wiedergegeben werden können.

Seit jeher betrachtete sich China in seinem sinozentrischen Weltbild als „Reich der Mitte“, über mehr als 2000 Jahre bis zur Ausrufung der Republik im Jahr 1912 beherrscht von einem göttlichen Kaiser („Sohn des Himmels“) und geprägt durch den Konfuzianismus. Umgeben war dieses Reich von Tributstaaten/Schutzstaaten (Korea, Vietnam, Laos, Burma), die durch den Konfuzianismus zumindest teilweise zivilisiert erschienen, während alles, was darüber hinausging, nicht vom Konfuzianismus geprägt und damit als völlig unzivilisiert angesehen wurde.

Noch heute sieht sich der Chinese in der Kontinuität eines Imperiums mit einer 2200- bis 3500-jährigen Geschichte. Auch wenn sich Ausdehnung und Namen des Herrschaftsgebiets in dieser Zeit verändert haben und es von wechselnden Dynastien beherrscht wurde, umfasste es trotz aller ethnischen Unterschiede stets die größte geschlossene Bevölkerungsgruppe der Welt. Dabei waren die Chinesen die längste Zeit ihrer Geschichte auf ihr eigenes Reich fokussiert. Eine Öffnung nach außen gab es erst seit dem 19. Jahrhundert und dann vor allem seit 1976. Dass es dagegen heute ein großes Interesse an allem gibt, was im Rest der Welt – und auch in Deutschland – passiert, zeigte Dr. Wolfrum sehr anschaulich anhand von Bildern und Artikeln in Zeitungen, Magazinen und im Internet auf. Die Bundeskanzlerin ist dort ebenso präsent wie prominente deutsche Fußballvereine und –spieler.

Ein zweites prägendes und verbindendes Element der chinesischen Kultur ist die Chinesische Schriftsprache. Sie stammt in ihrem Kern aus dem 2. Jahrtausend vor Christus, wurde 221 v.Chr. vereinheitlicht und 1958/59 in der VR China auch vereinfacht. Die gesprochene Sprache dagegen ist in China ein Gemisch aus unterschiedlichen Dialekten und Sprachen, die dazu führen, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Regionen häufig nicht verständigen können. Selbst unterschiedliche Dialekte des Mandarin, aus dem sich das Hochchinesisch ableitet, sind häufig untereinander nicht verständlich, so dass Fernsehsendungen grundsätzlich mit Untertiteln versehen sind. So wird verständlich, dass Bildung in China vor allem Schriftgelehrsamkeit und Kalligraphie ist. Die Einführung einer Buchstabenschrift würde die phonetische Vielfalt der chinesischen Sprachen und Dialekte auch in die Schriftsprache übertragen.

So sehr China von Geschichte und Tradition geprägt sein mag, so wenig verschließt es sich der Zukunft. Es betrachtet sich vielmehr – entgegen dem früher nicht ganz unberechtigten Vorwurf, es sei ein Meister im „Abkupfern“ – geradezu als Innovationszentrum der zivilisierten Welt. Zwar hatte nicht alles, was chinesischem Erfindungsgeist in der Vergangenheit zugeschrieben wurde, tatsächlich einen chinesischen Ursprung. Aber das Porzellan, das Papier, der Buchdruck mit Holztafeln und der Magnetkompass sind in der Tat die „vier großen Erfindungen Chinas“. Und heute kommen längst nicht alle neuen Entwicklungen aus dem Silicon Valley, sondern China trägt mit vielen Innovationen sowohl bei technischen Geräten (z.B. bei der Magnetschwebebahn oder drehbaren Sitzreihen in Zügen) als auch bei Geschäftsmodellen (z.B. mobiles Bezahlen oder stationslose Sharing-Fahrräder) oder insgesamt im IT-Bereich erheblich zum Fortschritt in der Welt bei.

Angesichts dieser Zukunftsorientierung der Chinesen ist es erstaunlich, wie stark Denken und gesellschaftliche Konventionen nach wie vor – und nach Mao wieder verstärkt – durch den Konfuzianismus geprägt werden. Der Referent machte das an vielen Beispielen aus dem Alltag der Menschen deutlich. Höflichkeit, Moral, Geduld, Fleiß, Sparsamkeit, aber auch Loyalität und Gehorsam zählen zu den positiven Werten. Die Orientierung daran führt zu Harmonie bei einem selbst wie im Verhältnis zu Anderen. Der Konfuzianismus begründet aber auch klare hierarchische Strukturen in den sozialen Beziehungen, allerdings mit gegenseitigen Verpflichtungen: Gehorsam und Treue auf der einen Seite bedingen Fürsorge und Schutz auf der anderen. Insgesamt erscheint diese Philosophie eher geeignet, autoritäre Herrschaftssysteme nicht in Frage zu stellen, als die stärker auf das Wohlergehen des Individuums abzielenden westlichen Werte.

Im Verhältnis des Chinesen zur restlichen Welt gab es in der Geschichte wechselnde Phasen der Abschottung und der Öffnung Chinas. In der jüngeren Geschichte öffnete sich China für „Westliches“ besonders ab 1860, dann verstärkt mit dem Ende des Kaiserreichs 1912 und seit 1976 in einem regelrechten „Kulturfieber“. Letztlich wurden fremde Einflüsse – wie Dr. Wolfrum an beeindruckenden Beispielen aufzeigte – jedoch immer „sinisiert“, d.h. an die eigenen Vorstellungen adaptiert.

Außenpolitisch hat China mit „dem Westen“ und seinem Nachbarn Japan in der Vergangenheit nicht immer die besten Erfahrungen gemacht. Der Zeitraum von 1842 bis 1949 wird aufgrund der beiden sog. Opiumkriege Mitte des 19. Jahrhunderts, des Boxeraufstandes und seiner Niederschlagung durch eine Acht-Mächte-Koalition, diverser kolonialer „Erwerbungen“ (auch Deutschlands) in China sowie der mehrfachen militärischen Interventionen und Annexionen Japans sogar als ein „Jahrhundert der Schande“ bezeichnet. Der Sieg über die Truppen Chiang Kai-sheks und die Befreiung von den Japanern gelten als wichtiger Teil der Gründungsgeschichte der VR China und begründeten die Bedeutung der Kommunistischen Partei ebenso wie die herausgehobene Stellung und das Ansehen der Volksbefreiungsarmee.

Das Verständnis des Chinesen von sich selbst und der Welt spiegelt sich naturgemäß sowohl im Verhalten des einzelnen Bürgers wie der verantwortlichen Politiker. Auch die Symbolpolitik Chinas, die „Ping-Pong- und die Panda-Diplomatie“ in den 1970er Jahren und die „Eisenbahn-Diplomatie“ ab 2006, legt davon Zeugnis ab. Angesichts der eingangs erwähnten – und noch wachsenden – Bedeutung Chinas in unserer globalisierten Welt schadet es sicherlich nicht, sich ein wenig mit der chinesischen Gedankenwelt vertraut zu machen.

Dieser Auffassung waren auch die Teilnehmer der Vortragsveranstaltung, die in der anschließenden intensiven Aussprache mit ihren Fragen ein breites Spektrum abdeckten. Dabei wurde insbesondere die Sprachenproblematik nochmals thematisiert, die bisher vielen so nicht bekannt war. Weitere Fragen und auch Anmerkungen von Teilnehmern, die China privat oder dienstlich bereist oder beruflich längere Zeit in China verbracht hatten, zielten u.a. auf die Rolle und das Ansehen der Armee, die Entwicklung der Zivilgesellschaft sowie die Behandlung von Minderheiten und Religionen. Die weitgefassten Fragen beantwortete Dr. Wolfrum umfassend, präzise und eloquent. Nach einhelliger Auffassung war der unterhaltsame Vortragsabend sowohl faszinierend als auch außerordentlich lehrreich.

Jürgen Ruwe, Generalleutnant a.D.

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