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Bericht_Clausewitz-Gesellschaft_Hamburg_NZZ_200810.pdf Bericht zur Jahrestagung von Dr. Bruno Lezzi (Der Artikel ist in der Neuen Zürcher Zeitung vom 20.08.2010 erschienen) |
Herausforderungen durch Massenvernichtungswaffen im 21. Jahrhundert
Eine Kurzzusammenfassung des Berliner Colloquium 2010 der Clausewitz-Gesellschaft e.V. und der Bundesakademie für Sicherheitspolitik
Unter dem Thema: "Herausforderungen durch Massenvernichtungswaffen im 21. Jahrhundert" beschäftigten sich die Clausewitz-Gesellschaft und die Bundesakademie für Sicherheitspolitik in ihrem Berliner Colloquium 2010 mit der Frage, welche Rolle Massenvernichtungswaffen heute und in Zukunft spielen. Dabei ging es um alle Kategorien von Massenvernichtungswaffen und um die Herausforderungen, die mit diesen Waffen verbunden sind.
Die Präsidenten der beiden Organisationen, Generalleutnant a. D. Dr. Klaus Olshausen und Generalleutnant a.D. Kersten Lahl, begrüßten zu der international hochrangig besetzten Veranstaltung über 300 Teilnehmer im Historischen Saal der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.
In seinem einleitenden Vortrag: "Das Ausschalten nuklearer Bedrohungen – eine praktische Agenda für global handelnde Politik" erläuterte Glyn Davies, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika bei der Internationalen Atomenergiekommission (IAEO) in Wien, die Ziele der amerikanischen Sicherheitspolitik. „Wir wollen nukleare Stabilität auf einem niedrigeren Level erreichen. Präsident Obama ist fest entschlossen, eine Welt ohne Nuklearwaffen anzustreben.“ Aktuelle Herausforderungen sieht Davies in der Prolieferation und in der Bedrohung durch den nuklearen Terrorismus. Diese Bedrohungen machten neue Ansätze und Strategien erforderlich. Präsident Obama sei entschlossen, zur Erreichung seiner Ziele neue Wege zu gehen. Amerika könne aber die Probleme in der Welt nicht alleine lösen, dazu sei die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert.
Zum Thema: "Die Bedeutung der Abschreckung im zweiten nuklearen Zeitalter" diskutierte ein von General a.D. Dr. h.c. Klaus Naumann moderiertes Panel. Übereinstimmung herrschte bei den Experten darüber, dass Abschreckung in den Zeiten des Kalten Krieges mit seiner bipolaren Welt letztlich einen mit Massenvernichtungswaffen geführten Krieg erfolgreich verhindert habe. Heute gehe die Bedrohung eher von der Prolieferation, dem nuklearen Terrorismus und dem Bedarf an zusätzlicher Energie mit der damit verbundenen Ausweitung des zivilen Kernenergiebedarfs aus.
In einer Welt ohne Weltordnung und in einer Lage, in der auch nichtstaatliche Akteure diese Waffen erwerben und anwenden könnten, habe sich die Rolle der Abschreckung jedoch gewandelt. Abschreckung habe ihre Grenzen, da sie z.B. gegen Schurkenstaaten nicht wirke. Umso wichtiger sei es, die Prolieferation wirksam einzuschränken. Abschreckung müsse stets auch von Abrüstungsschritten begleitet werden. Die politische Zielsetzung von Präsident Obama sei deshalb grundsätzlich zu begrüßen. Deren Chancen auf Realisierung wurden in dem Panel allerdings kontrovers diskutiert. Selbst wenn die Welt im günstigsten Fall – sollte Obamas Vision Wirklichkeit werden – noch mehr als zwei Jahrzehnte mit Atomwaffen leben müsse, sei die Vision begrüßenswert, so Naumann. "Obamas Vision einer Welt mit weniger oder eines Tages ohne Atomwaffen ist richtig. Ohne eine Vision wird immer der Vorwurf der 'Habenichtse' bestehen bleiben, wir wollten den Atomwaffensperrvertrag als Zementierung der Vorrechte der Nuklearmächte interpretieren. Und das ist nichts weiter als ein Anreiz zur Prolieferation".
Über die Sicherheitslage in Ostasien sprach anschließend der japanische Botschafter Dr. Takahiro Shinyo. "Die Sicherheit Europas und die Sicherheit Asiens sind untrennbar miteinander verknüpft, und deshalb sind wir sehr am neuen strategischen Konzept der Nato interessiert", so Shinyo.
Deutschland und Japan seien durch gemeinsame Werte verbundene Partner. Zu diesen Werten zählten auch das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen sowie Wertvorstellungen in Bezug auf Sicherheit, ohne die Position einer militärischen Großmacht anzustreben. Der Verzicht Deutschlands und Japans auf Kernwaffen könne ihnen einen Wert als „Moral Power“ in der Welt verleihen. Dem Vorbild dieser beiden Länder, nämlich einen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten ohne Kernwaffen und ohne eine militärische Großmacht zu sein, könnten andere Staaten nacheifern.
Über das Thema "Massenvernichtungswaffen im Zeitalter des internationalen Terrorismus" sprachen anschließend Dr. Andreas Strub, Koordinator für Massenvernichtungswaffen beim Rat der Europäischen Union, sowie Professor Dr. Joachim Krause, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialwissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Strub ging in seinem Beitrag auf die Frage ein, mit welchen Maßnahmen die EU auf die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in der Hand von Terroristen reagiere. Die EU sei gefordert, politische Akzente zu setzen. Dies versuche die EU zu erreichen durch die Stärkung der Vereinten Nationen, das Prinzip der internationalen Kooperation und durch Prävention, d.h. den Kampf gegen jene Spannungen in der Welt, die Terrorismus befördern. Als Staatengemeinschaft, der sowohl Kernwaffenstaaten als auch solche Staaten angehörten, die explizit auf Kernwaffen verzichteten, könne die EU auf besondere Erfahrungen verweisen, wie divergierende Interessen zusammengeführt werden könnten.
Krause sieht die Gefahren des Terrorismus vor allem vom gewaltbereiten Islamismus ausgehen. Zwei mögliche Bedrohungslagen seien sehr konkret: Islamistische Extremisten könnten versuchen, Kernwaffen in die Hand zu bekommen, oder sie könnten versuchen, Scharia-Staaten zu schaffen und diese durch Kernwaffen zu schützen. Um diesen Bedrohungen zu begegnen, müsse die Frage der Abschreckung neu gestellt und nach Lösungsmöglichkeiten jenseits der atomaren Abschreckung gesucht werden.
Ein weiteres Panel, moderiert von Dr. Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik, beschäftigte sich mit dem Thema: "Massenvernichtungswaffen im Zeitalter des internationalen Terrorismus - Die besondere Bedrohung durch chemische, biologische und radiologische Waffen." Über das Thema sprachen Botschafter Jacek Bylica, Head Weapons of Mass Destruction Centre NATO International Staff in Brüssel, Timothy Jones, Principal Advisor, Office of the Counter Terrorism Cordinator, Council of the European Union und Dr. Iris Hunger, Leiterin der Forschungsstelle biologische Waffen und Rüstungskontrolle an der Universität Hamburg.
Die Experten des Panels stimmten darin überein, dass die mit biologischen und chemischen Waffen verbundenen Risiken in der öffentlichen Debatte nicht den gleichen Raum einnehmen würden wie die Nuklearwaffen. Dennoch müssten die damit verbundenen Risiken hoch eingeschätzt werden. Die von diesen Waffen ausgehenden Gefahren resultierten dabei nur zum Teil aus deren Wirksamkeit, viel gefährlicher könnten ihre psychologischen Auswirkungen sein. Allein schon die Androhung eines Einsatzes könne unabsehbare psychologische Folgen für die Bevölkerung, die Wirtschaft und das gesamte öffentliche Leben haben. Dennoch sollte die Bedrohung mit B- und C-Waffen durch Terroristen nicht dramatisiert werden. Unabdingbar sei aber die Entwicklung einer Kommunikationsstrategie, um bei der Bevölkerung ein Risikobewusstsein zu wecken und um die Folgen eines Einsatzes besser beherrschbar zu machen.
Welche Folgerungen sich für die Politik aus diesen Bedrohungen ergeben und welche Maßnahmen zur Gefahrenabwehr und zur Prävention notwendig sind, darüber referierte am zweiten Tag des Colloquiums Ministerialdirektor Dr. Manfred Schmidt, Leiter der Abteilung Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz im Bundesministerium des Inneren.
Für den Katastrophenschutz, für den Bund und Länder gemeinsam Verantwortung trügen, komme es nicht so sehr darauf an, von welcher Quelle die Gefahr für die Bevölkerung ausgehe, er unterscheide nicht nach den Ursachen; diese könnten auch ziviler Natur sein. Im Notfall müsse schnellstmöglich nach einem gesamtstaatlichen Notfallplan gehandelt werden. CBRN-Lagen seien "sehr dynamische Lagen", bei denen das Schadensausmaß wesentlich davon abhänge, ob es gelinge, schnellstmöglich die Art der Gefahrenquelle und deren Ausbreitung zu identifizieren und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Nach Einschätzung von Dr. Schmidt sind Bund und Länder auf CBRN-Lagen gut vorbereitet. So seien z.B. an sieben Standorten so genannte "Analytische Task Forces" aufgestellt worden, die innerhalb kürzester Zeit Erstmaßnahmen einleiten und die Führung vor Ort übernehmen könnten. Auch habe der Bund im Bereich des CBRN-Schutzes die Ausstattung des Katastrophenschutzes der Länder verbessert und ergänzt, z. B. durch persönliche Schutzausrüstungen für Einsatzkräfte, Fahrzeuge zur Detektion und Dekontamination sowie durch andere Maßnahmen.
Verbesserungsbedarf gäbe es allerdings noch in einigen Bereichen wie in der Abwehr biologischer Gefahren, in der Warnung der Bevölkerung und in der Risikokommunikation, so Schmidt.
Dass das Thema Gefahrenabwehr und Prävention in der Politik angekommen ist, wurde deutlich in der anschließenden Expertendiskussion, die Prof. Dr. Johannes Varwick von Universität Erlangen-Nürnberg moderierte. Die Mitglieder des Bundestages Clemens Binninger (Innenausschuss, CDU), Omid Nouripour, (Verteidigungsausschuss, B90/Grüne) sowie Uta Zapf, (Auswärtiger Ausschuss, SPD) stimmten darin überein, dass Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr ein Gebot der Stunde seien. Der Konsens im Grundsätzlichen erschien jedoch brüchig, wenn es um Detailfragen ging, z.B. um den Einsatz der Bundeswehr im Katastrophenfall. "Die inhaltlichen und institutionellen Herausforderungen, vor denen wir stehen, lassen die heutige Debatte nur als eine Momentaufnahme erscheinen. In den kommenden Jahren wird es sicher noch sehr viel Bewegung in der politischen Diskussion geben", so Varwick in seiner Zusammenfassung.
Zum Schluss des Colloquiums sprach Botschafter Ulrich Brandenburg, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland im Nordatlantikrat, zum Thema: "Die Rolle der NATO – Afghanistan und die Folgen".
Brandenburg verwies zunächst darauf, dass sich die NATO beim Gipfel im November ein neues strategisches Konzept gebe werde. Da dieses Konzept kein unverbindliches politisches Dokument sei, müssten sich alle Verbündeten damit identifizieren können und das Konzept die eigene Verteidigungsplanung umsetzen. Die Chancen auf einen Konsens stünden heute besser als noch vor einigen Jahren. Nach seiner Prognose werde sich in dem neuen strategischen Konzept das "Gleichgewicht von Erwartungen und Aufgaben" im Vergleich mit dem seit elf Jahren bestehenden derzeitigen Konzept nicht wesentlich verändern. Es gehe bei der Neuformulierung vor allem um eine "glaubhafte Unterfütterung der Artikel 5-Garantie"; das schließe die Fähigkeit zur Abschreckung und zur Territorialverteidigung ebenso ein wie zum Schutz der Nato-Interessen am Hindukusch.
Afghanistan bezeichnete Brandenburg als derzeit größte operative Herausforderung für das Bündnis. Politisch hänge von einem Erfolg der Operation viel ab. Das Bündnis sehe sich aber auch vor weiteren Sicherheitsherausforderungen wie Prolieferation, Terrorismus, lokale Konflikte und unterschwellige Spannungen beim Thema europäische Sicherheit. Die Rolle der USA im Bündnis sei durch das gewaltige Engagement in Afghanistan noch wichtiger geworden. Die US-Administration sei bereit, sich mit den Europäern zu konsultieren und nutze dazu die NATO. "Ich hoffe und wünsche, dass diese Funktion des Bündnisses künftig von den Europäern wieder ernst genommen und besser genutzt wird", so Brandenburg.
Eine ausführlichere Zusammenfassung des Berliner Colloquiums 2010 erscheint in der Juni- Ausgabe der Zeitschrift "Europäischen Sicherheit".
Fotos: StOKdo Berlin LdP (1) und BAKS (8)








Im März dieses Jahres hat sich in Warschau die "Polnische Carl von Clausewitz Gesellschaft" gegründet. 15 Herren stellen das Gründungsteam unter seinem Präsidenten, VALENTIN FILIP, Geschäftsmann in Warschau und Orleans/Frankreich. Zu den Gründungsmitgliedern gehören General Romuald RATAJCZAK, Rektor-Kommandant der Nationalen Verteidigungs-Universität, sein Vorgänger, General a.D. Professor Jozef BUCZYNSKI und Professor Miroslaw NAGIELSKI, Dean des Historischen Instituts der Univerisität Warschau.Der Verein hat seinen Sitz an der Nationalen Verteidigungs-Universität.
Zu einer ersten Kontaktaufnahme haben der Geschäftsführer der Clausewitz-Gesellschaft, Flottillenadmiral a.D. Viktor Toyka, und der Leiter des Regionalkreises Südwest, Generalmajor a.D. Christian Millotat, vom 23. bis 25.03.2010 dem neu gegründeten Verein einen Besuch in Warschau abgestattet.
Dem Gründungsteam wurden ausführliche Informationen über die Geschichte unserer Clausewitz-Gesellschaft, ihre Struktur und Organisation sowie ihre Aktivitäten übergeben. In längerem Gedankenaustausch wurden Möglichkeiten für die ersten Aktivitäten und die Öffentlichkeitsarbeit der neuen Gesellschaft erörtert. Generalmajor a.D. Millotat hielt an der Verteidigungs-Universität sowie im Historischen Institut der Universität Warschau einen ausführlichen Vortrag über "Carl von Clausewitz im 21. Jahrhundert", der auf reges Interesse bei militärischen wir zivilen Studierenden stieß.
Die Clausewitz-Gesellschaft hat der neuen polinischen Gesellschaft freundschaftliche Kontakte und Unterstützung angeboten. Wir wünschen dem Vorhaben viel Glück und Erfolg und freuen uns auf einen ersten Besuch aus Warschau bei einer unserer Veranstaltungen."

Am 14. und 15. August 2009 veranstaltete die Clausewitz-Gesellschaft in enger Zusammenarbeit mit der Führungsakademie der Bundeswehr ihre 43. Sicherheitspolitische Informationstagung am Sitz der Führungsakademie in der Clausewitz Kaserne in Hamburg. Sie stand unter dem Generalthema:
"Legitimation militärischer Gewalt im 21. Jahrhundert"
Nach der Begrüßung durch den Präsidenten der Gesellschaft, Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen, hielt Dr. Christoph Bertram den einleitenden Vortrag zu dieser ebenso aktuellen wie brisanten und kontroversen Thematik. In den folgenden Beiträgen und Podiumsgesprächen sowie in den Diskussionsbeitragen der Teilnehmer wurden nicht nur ethische, religiöse und juristische Fragen ausführlich erörtert, sondern auch immer wieder ein pragmatischer Bezug zu den derzeitigen Einsätzen der Bundeswehr in der multinationalen Krisenbewältigung hergestellt.
Die Tagung ging mit einer Totenehrung am Gedenkstein in der Führungsakademie zu Ende.
Einzelheiten werden Mitte September 2009 im nächsten Rundbrief an die Mitglieder der Gesellschaft veröffentlicht werden.
Fotos: Impressionen von der Tagung (zum Vergrößern bitte das jeweilige Bild anklicken).
Dr. Igor Perrig
Geschäftsführer Sektion Schweiz
Die Clausewitz-Gesellschaft erstmals als Gast in der Schweiz
Am 30.-31. Oktober 2009 fand im Armeeausbildungszentrum Luzern das Forum 09 der Clausewitz-Gesellschaft statt. Thematisch wurden zwei Schwerpunkte gesetzt: Einerseits wurden Fragen zur schweizerischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik erläutert. Anderseits wurde die Bedeutung der grossen Kriegstheoretiker Clausewitz und Jomini für heutige Führungskräfte diskutiert.
Der Präsident der Clausewitz-Gesellschaft, General a D Klaus Olshausen leitete die Tagung. Nach einer kurzen Einführung zur Kaderausbildung der Armee („die Besten durch eine gezielte und zertifizierte Ausbildung in der Armee zu noch bessern Kadern der Wirtschaft machen“) durch den Kommandanten HKA, Div Cantieni und einem historischen Abriss des Direktors der Bibliothek zum Guisanplatz, Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg zum Verhältnis Schweiz - Deutschland („die Gemeinsamkeiten überwogen immer die Unterschiede“), versuchten die nachfolgenden Referenten die Schweizerische Sicherheits- und Verteidigungspolitik aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.
Botschafter Tahlmann, stv. Staatssekretär im EDA, plädierte für mehr Kooperation und den Ausbau der militärischen Friedensförderung als Zeichen der Solidarität der Schweiz in einer globalisierten Welt. Diesem Konzept hielt Dr. Hummler, Direktor und Teilhaber der Bank Wegelin entgegen, dass der Selbstbehauptungswille des Landes, also die Ausrichtung auf den gefährlichsten Fall im Mittelpunkt der sicherheitspolitischen Überlegungen des Kleinstaates Schweiz stehen müsse. Eine auf Kooperation ausgerichtete Sicherheitspolitik dürfe nie dazu führen, dass man auf Kooperation angewiesen ist, sondern höchstens, dass man zur Kooperation fähig wäre. Es gehe also um die Frage: wie viel Kooperation braucht es, um in einem allenfalls nicht-kooperativen Umfeld bestehen zu können? Für die Armee bedeutet dies, primär den Ernstfall zu üben und damit, gleichfalls als Nebenprodukt, auch die Kooperationsfähigkeit zu verbessern.
Brigadier Daniel Lätsch, Direktor der MILAK, unterstrich die Ausrichtung auf den gefährlichsten Fall als wichtigste Herausforderung für die Armee. Allerdings, so Lätsch, wurden der Armee in den letzten Jahren die dazu nötigen Mittel entzogen. Die Finanzlage der Armee sei nicht schlecht sondern katastrophal. Dafür verantwortlich sind Uneinigkeiten in der strategischen und strukturellen Ausrichtung der Armee im Parlament und in der Bevölkerung. Der neue sicherheitspolitische Bericht des Bundesrates (Regierung) müsse diese Problemfelder berücksichtigen. Ziel, Zweck und Mittel müssten wieder in ein breit getragenes Gleichgewicht gebracht werden. Eine Konstante müsse dabei aber gewahrt bleiben: die Schweizer Armee habe keine Alternative zum Milizsystem. Dieses Milizsystem, betonte Brigadier Lätsch, sei die Reserve, also das von Hummler erwähnte“ Eigenmittel“, der „Notgroschen“ des Landes.
Der zweite Tag gehörte den grossen Militärphilosophen und Militärtheoretikern Clausewitz und Jomini. Es ist das Verdienst der Referenten Dr. Johann Schlegel und Oberst i Gst Michael Arnold den heute eher unbekannten und nicht so oft zitierten Schweizer General Jomini „zum Leben erweckt“ zu haben. Neue Aspekte zu Clausewitz vermittelte Prof. Lennart Souchon, Leiter des Clausewitz-Zentrums an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Durch gezielte Fragestellungen, so Souchon, sind die Lehren von Clausewitz durchaus auch auf die heutige Zeit, Probleme und Führungsherausforderungen anwendbar. Diese „Zeitlosigkeit“ Clausewitz‘scher Theorie bestätigte Oberst i Gst Matthias Kuster mit einer Reihe von aktuellen Beispielen aus Konflikten der jüngsten Gegenwart.
Die Nordatlantische Allianz – gerüstet für ihr siebtes Jahrzehnt?
Eine Kurzzusammenfassung des Berliner Colloquium 2009 der Clausewitz-Gesellschaft e.V. und der Bundesakademie für Sicherheitspolitik
Im April 2009 jährte sich die Gründung der Nordatlantischen Allianz zum 60. Mal. Dieses politische Bündnis, gegründet für den Schutz demokratischer Freiheit und die Förderung "innerer Festigkeit und Wohlergehen(s) im nordatlantischen Gebiet", hat wesentlich die Fundamente gelegt, die schließlich zum Ende der Teilung Deutschlands und Europas führten mit der Chance für ein einiges Europa in Frieden und Freiheit.
Seither bewährt und behauptet sich die Allianz – neben Kooperation und Dialog – auch im internationalen Krisenmanagement auf mehreren Kontinenten. Häufig wird sie dabei verkürzend als eine "militärische Feuerwehr" wahrgenommen. Dabei sind in vielen ihrer Einsätze – wie insbesondere bei der Stabilisierung Afghanistans – die hohe Komplexität der Lage vor Ort und die Notwendigkeit eines intensiven Zusammenwirkens unterschiedlicher nationaler wie multinationaler Akteure deutlich hervorgetreten.
Die aktuellen Fragen bedürfen einer eingehenden Klärung: Bleiben die Allianz und ihre Organisation für ihre Mitglieder beiderseits des Atlantiks relevant? Kann die NATO in ihrer gegenwärtigen Form weiterhin den Erwartungen entsprechen, oder ist sie überfordert? Bedarf sie einer grundlegenden Neuausrichtung, und wie sollte diese aussehen? Und vor allem: Wie beurteilt die neue US-Administration die Zukunft des Bündnisses?
Unter dem Generalthema „Die Nordatlantische Allianz – gerüstet für ihr siebtes Jahrzehnt?“ führten die Clausewitz-Gesellschaft e.V. und die Bundesakademie für Sicherheitspolitik vom 24. bis 26. März in Berlin das Berliner Colloquium 2009 durch. Die Präsidenten der beiden Organisationen, Generalleutnant a.D. Dr. Klaus Olshausen und Generalleutnant a.D. Kersten Lahl, begrüßten zu der international hochrangig besetzten Veranstaltung über 300 Mitglieder und Gäste. Das Colloquium beleuchtete die Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven, national wie international. Einleitend sprach General a.D. Dr. h.c. Klaus Naumann über „Die Nordatlantische Allianz, ein Bündnis mit Zukunft oder „quantité négligeable“. Ministerialdirektor Dr. Christoph Heusgen, Außen- und Sicherheitspolitischer Berater der Bundeskanzlerin, sprach unter der Überschrift "Deutsche Sicherheitspolitik im 7. Jahrzehnt der Nordatlantischen Allianz – Chancen nutzen, Risiken meistern, Bedrohungen abwehren" über die deutschen Vorstellungen zur Weiterentwicklung des Bündnisses. Über „Die aktuelle Lage der Bundeswehr und der konzeptionelle militärischen Beitrag zur Allianz bis 2020“ trug Generalleutnant Johann-Georg Dora, Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr, vor. Drei international hochrangig besetzte Panels befassten sich mit der politischen Strategie des Bündnisses, der Einbindung der USA als "europäische Macht" in die Allianz sowie dem Zusammenwirken des "Westens" mit Russland.
Ausgehend von einer Analyse der aktuellen Krisen und Konflikte (General a.D. Naumann: „Das 21. Jahrhundert wird ein unruhiges Jahrhundert werden“) war die übereinstimmende Folgerung, dass weder die NATO noch die Europäische Union (EU) die Konflikte ohne die USA meistern könnten: „Sicherheit für Europa ohne die USA gibt es nicht“, lautete die Feststellung Naumanns. Langfristig seien drei Entwicklungen erkennbar, die zu Krisen und Konflikten führen könnten: demografische Verschiebungen, Verknappung überlebenswichtiger Ressourcen und Klimawandel. Die Staatenwelt werde auf der Suche nach einer neuen Ordnung nur sehr langsam begreifen, dass kein Staat der Welt, auch nicht der Mächtigste, auf sich allein gestellt seine Menschen schützen kann. Die globale Natur der Gefahren für Europa verlange einen globalen Partner, da es alleine keine globale Handlungsfähigkeit besitze. Der einzig global handlungsfähige Partner seien die USA. Die NATO werde damit zur Grundlage und zum Ausgangspunkt der Weiterentwicklung transatlantischer Sicherheit.
Unstrittig war die Auffassung aller Vortragenden, dass die Allianz ein neues strategisches Konzept benötige, in dem alle Instrumente der Krisenbewältigung, vor allem auch nicht-militärische, und die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, insbesondere der EU, auf das Ziel der Verhinderung bewaffneter Konflikte ausgerichtet werde. Dazu müsse die Kooperation mit anderen Staaten und Regionen gesucht werden, und auch Russland müsse in die Gestaltung zukünftiger gemeinsamer Sicherheit einbezogen werden. Nur so könne eine solide Basis für die umfassende Zusammenarbeit Europas und der USA bei der Bekämpfung der globalen Fragen wie dem Kampf gegen Hunger und Wassermangel, gegen die Erderwärmung und gegen Seuchen und Pandemien geschaffen werden – von den regionalen, ethnisch, religiös, ökonomisch oder sozial geschürten Konflikten und dem weiterhin hoch gefährlichen transnationalen Terrorismus gar nicht zu reden.
In den USA sei mit Beginn der Präsidentschaft von Barack Obama ein fundamentaler Wandel hin zu einem neuen Pragmatismus eingeleitet worden. Angesichts der starken Belastung Amerikas durch seine inneren (wirtschaftlichen) Probleme müsse sich Europa auf zunehmende Forderungen („demanding expectations“) bei der zukünftigen Gestaltung der Allianz einstellen. Die Entwicklung eines neuen strategischen Konzepts werde die NATO vor eine „Herkules-Aufgabe“ stellen, und eine der Kardinalfragen werde sein, ob die Europäer bereit und in der Lage seien, ein stärkeres Engagement zu übernehmen. Dies sei auch unter dem Aspekt der fairen Risiko-Teilhabe („burden-sharing“) eine wichtige Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des Bündnisses und die andauernde Bereitschaft der USA auch für die Sicherheit in und für Europa einzutreten.
Übereinstimmung bestand auch darin, dass trotz der neuen, anspruchsvolleren politischen Lage – Stichwort: Bündnis im Einsatz – Artikel 5 Kern des NATO-Vertrags bleiben müsse. Ministerialdirektor Dr. Heusgen, Bundeskanzleramt, wies auf einige deutsche Kernforderungen bei der Weiterentwicklung des strategischen NATO-Konzepts hin. So sollte ein neues Konzept „zivile Elemente“ der „Vernetzten Sicherheit“ enthalten. Ebenso sollte die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen festgeschrieben werden. Insgesamt erwarte die Bundesregierung, dass ein neues Konzept „einen einigenden Prozess“ in Gang setze. Vom NATO-Gipfel erwarteten die Teilnehmer des Colloquiums insgesamt ein starkes Signal der Geschlossenheit und der Zuversicht, dass das Bündnis die Herausforderungen der Zukunft meistern wolle und werde.
Zum Abschluss des Berliner Colloquiums berichtete der Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Generalleutnant Johann-Georg Dora, über einige aktuelle Aspekte der Entwicklungen in der Bundeswehr, insbesondere im Zusammenhang mit den Auslandseinsätzen. Deutschland, mit derzeit insgesamt fast 7.500 Soldaten im Einsatz, sei einer der größten Truppensteller. Mit Blick auf Afghanistan stellte er fest, dass die Lage nicht beschönigt werden dürfe. Nur durch die konsequente Verknüpfung von militärischem und zivilem Einsatz im Sinne eines „comprehensive approach“ könne das Land längerfristig stabilisiert werden („Es gibt keine Sicherheit ohne Wiederaufbau und umgekehrt“).
Werner Baach
Bilder: Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Oberstleutnant i.G. Frank Gäbel, und Bundeswehr, LdI Standortkommando Berlin, Irina Lück.